Die Hefe-Krise – Generalstreik in Dänemark

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch Solkrogen 1 – Ein Jahr in Skandinavien

Ein Jahr in Skandinavien (Solkrogen 1)

und erzählt von dem Generalstreik, der 1998 in Dänemark stattfand. Er wurde auch “gær-krisen” (die Hefe-Krise) genannt, weil die Poliker, die Geschäftsleute und die Gewerkschaften es damals so auf die Spitze getrieben hatten, dass sie sich fast zwei Wochen lang nicht einigen konnten und somit das ganze Land lahmlegten.

Damals waren die Geschäfte einfach leergeräumt. Es gab fast gar nichts mehr zu kaufen. Hefe, Eier und Benzin waren die begehrtesten Güter und erzielten teilweise ernorme Preise auf der Strasse.

Die Situation gab vielen sehr zu denken, denn da konnte man hautnah erleben, wie es ist, wenn die Gesellschaft mit ihren etablierten Versorgungssystemen urplötzlich zusammenbricht.

In dem Solkrogen-Buch wird die Situation aber mit einem Augenzwinkern beschrieben. Schliesslich wohnt man ja auf dem Lande und ist sowieso schon so einges gewöhnt; da macht so ein bisschen Hefe-Krise den Brei auch nicht mehr fett. Man lacht sich eher über die Nachbarn schief, die auf alle möglichen Ideen kommen.

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Solkrogen, 1/5/98

Liebe Béatrice!

Da staunst du, schon wieder bekommst du Post von mir, obwohl ich noch nichts von dir gehört habe.

Diesmal schreibe ich aus aktuellem Anlass. Dänemark befindet sich in einem Generalstreik und ich will dir die Details nicht vorenthalten. Keiner weiß, wie lange dieser Konflikt anhalten wird und die Abergläubischen versichern, dieser Spuk käme jedes 13. Jahr auf’s Neue.

Wir bekamen es zwei Tage vor Inkrafttreten zu wissen und dann begann das große Hamstern. Der Zeitpunkt konnte nicht ungünstiger gewählt worden sein: Es war Monatsende und wie alle richtigen Dänen waren auch wir bodenlos pleite. Eigentlich wollte ich diese Woche gar nicht einkaufen und stattdessen die Reserven strecken. Aber so mussten wir mit der Bank einen Extra-Dispokredit vereinbaren, der sich über die anderen schon existierenden Dispokredite erstreckt, um in den nächsten Wochen nicht verhungern oder gar verdursten zu müssen.

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Früh am Samstagmorgen, unausgeschlafen, ungewaschen und un-gefrühstückt zogen wir aus, um an der erbarmungslosen Schlacht um die Notwendigkeiten teilzunehmen. Und da waren sie schon alle; in frühester Morgenstund’ grapschten, suchten, schubsten und wühlten sie nach Herzenslust. Ich war frech und geistesgegenwärtig genug noch einen Einkaufswagen zu erhaschen. Und dann wurde ordentlich reingeschaufelt. Ganz so, als stünde der Weltuntergang bevor, der Golfkrieg auf skandinavischem Boden oder einfach nur Weihnachten.

20 Gurken für Toulouse, 8 Liter Milch, 10 Liter Joghurt, etliche Kilo Obst und Gemüse, Süßes und Saures und Kolonialwaren. Insgesamt schaffte ich es, drei Wagen zu füllen.

Und das war auch gut so! Denn heute, am fünften Tage des Streiks, sind alle Geschäfte nahezu restlos leergefegt. Nicht einmal ein Krümel wurde in den Brotregalen zurückgelassen. Dänemark hat neue Statussymbole: Benzin, Hefe und Toilettenpapier! Wer beim Einkaufen Brot erhaschen konnte, gilt als beneidenswert glücklich. Und wer in unserer abgelegenen Gegend, auf Grund des Benzinmangels, überhaupt noch zum Einkaufen fahren kann, ist schon etwas Besonderes!

Jetzt gilt es, Leute zu kennen, die noch etwas haben oder zu wissen, wo die arbeiten, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Aber hier auf dem Lande, da spürt man die Konsequenzen des Streiks nicht so wie in der Stadt. Hier hält man noch zusammen und lässt seinen Nachbarn nicht im Stich. Da lässt man Politik Politik sein und pfeift auf offizielle Meinungen und Anordnungen und man macht, was man selbst für richtig hält und ist sein eigenes Gesetz.

Und Du solltest sie mal sehen!

Børge Jørgensen zum Beispiel, einziger Arzt unserer Gemeinde, der oben auf dem Hügel vor Solkrogen residiert: Er füllte wohl jeden Kanister, der im Umkreis von 30 Meilen erhältlich war! Als ich ihn, während er gerade dabei war, seinen Kofferraum das dritte Mal zu entladen, fragte, ob das nicht gefährlich sei, (entweichende Benzindämpfe sind ja bekanntlich leicht entzündlich!) meinte er: “Na klar, aber was soll ich denn machen? Bald wird es nirgends mehr etwas geben und ich MUSS das Benzin haben!”

Also, nun können alle Lausbuben mit aufgeschabten Knien, Frauen in anderen Umständen, Hypochonder und gestresste Manager mit verstopften Blutgefäßen sich beruhigt wissen; im Falle eines Falles wird Ritter Børge zu ihrer Rettung eilen können!

Ganz so witzig ist das nun doch wieder nicht. Hier, am Ende der Welt ist man ohne Transportmöglichkeiten ganz schön aufgeschmissen und auch nicht nur im Notfall für Børges Hilfe dankbar!

Die Zeitungen, soweit sie noch erscheinen, reden vom “Kampf um das Benzin und die Hefe”. Tatsächlich konnte ich auch erst im achten Geschäft einen kleinen Rest Hefe auftreiben. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht auch erwähnen, dass man, wenn man hier acht, teilweise weit auseinanderliegende Geschäfte abgeklappert hat, natürlich schon wieder tanken muss! Hier erwiesen sich unsere Beziehungen ausnahmsweise mal als nützlich! Von den Eltern von Olivers Schulfreund hatten wir nämlich erfahren, welche Tankstelle am vorigen Abend als eine der letzten noch mit 40.000 Litern beliefert worden war.

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Jetzt ist die Zeit gekommen, kreative Talente zu erproben. Aus Resten nähe ich eine Gardine um das Fenster der Speisekammer zu verdunkeln. Ich möchte gerne mal wissen, wie viele, die kein Toilettenpapier mehr ergattern konnten, nun entweder Küchenrollen oder gar Zeitungspapier benutzen.

Generell scheint eine Frage die Gemüter zu beschäftigen: wo kommt das Brot her? Viele hatten nicht so viel Glück, Hefe zu bekommen und auch Mehl war relativ schnell ausverkauft. Nun, mit meiner ausgeprägten Erfahrung im Pleitesein, kenne ich natürlich alle Tipps und Tricks! Für den Fall, dass du dich in Berlin mal in ähnlicher Situation befinden (was ich mir allerdings nicht einmal in meinen kühnsten Alpträumen vorstellen kann) oder eine Auswanderung nach Sibirien planen oder was doch etwas wahrscheinlicher ist, mich in 13 Jahren hier besuchen solltest, kann ich dir sagen, dass man, wenn noch ein Rest Hefe vorhanden ist, einen Sauerteig anfangen kann. Man hebt von dem fertigen Teig dann immer einen Rest für das nächste Mal auf.

Interessant ist auch, dass im hohen Norden seit jeher das Brot mit Hirschhornsalz statt mit Hefe gebacken wird, da Hefe ja erst bei Temperaturen über 20 Grad Celsius aufgeht und da kann man am Polarkreis ja lange warten! “Hönokaka” und “Polarbröd” haben daher auch ihre charakteristische flache runde Form.

Wenn man es hingegen anglo-amerikanisch liebt, kann man mit Backpulver Muffins, Crumpets oder Scones (Jonathans Lieblingsbrötchen) backen. Als Mehlersatz könnten unterschiedliche Grießsorten und zermahlene Flocken der verschiedensten Getreidesorten oder Trockenfrüchte dienen. Was es da nicht alles gibt! Merkwürdigerweise wurden weder Haferflocken, Hirse, Mais- oder Reismehl aus der Gesundheitsecke in den Geschäften weggekauft. Sollte Alice nun tatsächlich anfangen, damit zu experimentieren, lass mich noch schnell erwähnen, dass man in einem solchen Teig dafür sorgen muss, dass genügend glutenähnlicher Kleber dabei ist, damit man nicht nur lose Brotkrümel bäckt! Darum ist eine Mischung verschiedener Getreidesorten unter Umständen sehr zu empfehlen.

Überhaupt ist es phänomenal, was die Dänen als lebensnotwendig ansehen! Die Smørrebrødtradition darf auf keinen Fall gebrochen werden! Ich sah zum Beispiel eine Frau, die hatte wohl nicht weniger als zehn Packungen Mayonnaise-Salate (so was wie Fleischsalat), reichlich Pålegsky (übersetzt: “Aufschnittwolke”, das ist gelierter Bratensaft, der die üppig belegten offenen Brote ziert) und Milch gekauft. Diese drei Genussmittel sollen sie also durch die Krise führen!

Günstig für uns, waren noch weitgehend ökologische Produkte erhältlich, wo sonst schon alles andere weg war. Ich vermute, es liegt hauptsächlich daran, dass die Leute jetzt am Monatsende nicht so viel Geld haben und wenn schon Großeinkauf, dann muss es wenigstens richtig billig sein! Ansonsten muss ich die Dänen aber loben. “Egon Olsen-Normalverbraucher” ist wirklich vorbildlich, wenn es darum geht, ökologisch einzukaufen und jeder Supermarkt, auch wenn er noch so abgelegen und winzig ist, führt wenigstens ein paar ökologische Produkte.

Wo wir schon dabei sind, lass mich auch erwähnen, dass Windenergie hier gross im Kommen ist und auch sonst viel getan wird. In Jonathans Erfinderkreis hat einer einen Motor entworfen, mit dem Autos fahren können, ohne mit Schadstoffen zu belasten! Wenn nur, tja wie es nun so mal ist, ökonomische und politische Interessen nicht ihr Bestes täten, um das Fortschreiten des Projektes zu verhindern. Momentan warte ich ungeduldig auf die erste im Handel erhältliche Ultraschall-Waschmaschine und den Ultraschall-Geschirrspüler. Die deutsche Zeitschrift “Chancen” berichtete schon 1985 darüber. Lange kann es nun doch nicht mehr dauern, dann wird man auch mit einer im Handel erhältlichen Waschmaschine ohne Waschpulver waschen können.

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Aber zurück zur aktuellen Situation. Zur Zeit haben wir hier dringendere Sorgen, die der “Storkonflikt” (Großkonflikt) mit sich bringt. Was zum Beispiel macht man mit seinem Müll? Wir sortieren jetzt alles noch gründlicher als sonst und daher können wir ruhig noch etwas auf die Müllmänner warten. Aber was machen Krankenhäuser, Groß-Tierproduktionen und chemische Fabriken mit ihrem Sondermüll? (Zum Glück ist Barsebäck, das Atomkraftwerk, das die Schweden uns, 30 km von Kopenhagen entfernt, vor die Nase gesetzt haben, von dem Streik unberührt und selber haben wir so etwas glücklicherweise nicht, da wir einfach keinen Platz haben! Jedoch was chemische Fabriken betrifft… so was können die Dänen auch!

Sogar hier unten, in aller schönster Natur, liegt einer der schlimmsten Umweltsünder Europas. Der Boden ist bis 60 Meter in die Tiefe verseucht und die beiden Vettern, die lange reichlich Geld damit gemacht haben, haben sich vor Kurzem einfach nach England abgesetzt und machen dort wohl das Gleiche noch einmal und wir dürfen nun Millionen oder wohl eher weit über 100 Millionen Kronen irgendwoher holen und müssen versuchen, die schlimmsten Folgen für Natur und Menschen zu verhindern!)

Der Mangel an Benzin führt mittlerweile auch dazu, dass nun keine Busse und Taxen mehr fahren. Seit gestern sind Mia und Oliver nun nicht mehr in der Schule und lernen daheim. (Ja, tun sie wirklich! Zwar nicht in dem Masse, wie es zu wünschen wäre, aber immerhin; ich sollte es dankbar schätzen und den Mund halten!) Glücklicherweise leben wir im Zeitalter von Mobiltelefon, Modem und Telefax. Daher ist es für Jonathan überhaupt kein Problem, dieser Tage von zuhause aus zu arbeiten. Somit haben wir einen Gesellschaftsbürger weniger, der das kostbare Benzin verplempern muss.

Und so kommt es, dass wir wieder einmal alle zusammen hocken -aufeinander und übereinander- und ein wenig “familiehygge” (familiäre Gemütlichkeit) genießen.

Als wir von dem Streik erfuhren, dachte ich: Ist mir doch egal, was brauchen wir hier auf dem Lande schon, was bald nicht mehr zu haben sein wird?! Die frische Luft und die Sonne können sie ja wohl nicht abstellen! Doch was soll ich dir sagen? Prompt trübte sich der Himmel und es regnete drei Tage lang in Strömen! Aber jetzt ist es wieder warm und schön. Die Temperaturen stiegen merkbar und ich denke, es ist an der Zeit, zu verkünden, dass der Frühling nun auch Solkrogen erreicht hat! Der Garten grünt und sprießt und das Gras musste schon ein Mal gemäht werden.

Toulouse hat fast jeden Stein mit Kreidemännchen bemalt. Mia und Oliver helfen mir fleißig beim Umgestalten und Neuanlegen unseres alten Gartens. Wir graben viele alte Pflanzen, Sträucher und auch einige Bäume aus und platzieren sie neu. Obgleich alle mithelfen, ist das härter und langwieriger als man meinen sollte. Glücklicher-weise ist ein Ende in Sicht und das Resultat kann sich sehen lassen.

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Ansonsten ist während des letzten Monats nicht so umwerfend viel geschehen.

Ich habe das Schlafzimmer neu gestrichen, was dringend notwendig gewesen war, da Toulouses Spuren unübersehbar geworden waren. Dank meiner ausgeklügelten Technik (es gelang mir, die neue Farbe genauso wie die alte zu mischen und ich räumte nichts aus, sondern bedeckte alles mit alten Laken und stellte mich zum Pinseln oben drauf) war das Ganze schnell und schmerzlos überstanden. Genauer gesagt, ich hörte die Reinhard Mey-CD von dir viermal, dann war ich fertig!

Anlässlich Toulouses sechstem Geburtstags war ich mit den Kindern im Kino und wir sahen “Anastasia”, was allen gut gefiel. Zwei Tage später wurde ich dann mit dem Besuch der Kindergartenmeute beglückt. Mit Ausnahme der Geräuschkulisse war es ganz gut zu überleben und wir gingen auch am Wasser spazieren. Das mögen die Kinder immer gerne.

Im Bad haben wir zur Zeit kein Licht und baden bei Kerzenlicht, was eigentlich ganz gemütlich ist und uns irgendwie auch dem Ursprünglichen wieder etwas näher bringt (Back to basics!). Doch entgegen deiner womöglichen Vermutung kann ich versichern, dass dies nichts mit dem Streik zu tun hat, sondern, dass entweder die Leitung in der Wand beschädigt sein muss oder, was viel wahrscheinlicher ist; der

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Schalter in der Wand ist altersschwach und kaputt. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis wir das Geld haben, es reparieren zu lassen.

Ich habe letzten Sonntag mal wieder zwei Bilder verkauft, jedoch war das gerade genug, um den Extra-Dispokredit wieder abzulösen. Aber was soll’s, kommt Zeit, kommt Rat und wer weiß; vielleicht auch Geld! Bis dahin werde ich auf jeden Fall die Ärmel hochkrempeln und “ranklotzen”, um in der Zwischenzeit etwas zu erschaffen, das sich auch sehen lassen kann!

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Soweit mein Bericht von der Front. Wann dich dieser Brief erreichen wird, steht in den Sternen. Eins ist jedoch klar: je schneller ich ihn abschicke, desto größer ist die Chance, dass die Post noch Benzin hat. Gestern war das jedenfalls noch der Fall.

Aus dem chaotischen Norden grüßt dich lieb

deine Katharina

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