Strassenkonzert und tiefgehende Überlegungen

Der folgende Auszug stammt aus dem Buch Solkrogen 2 – Neue Horizonte

Es handelt sich hierbei um einen Brief, den die eine Romanfigur and die andere schreibt und in dem sie beschreibt, wie sie ein Tief in ihrem Leben überwindete.

Solkrogen 2 - Neue Horizonte

 

Liebe Beatrice!

Wenn ich zurückblicke, dann ist die Zeit seit London mehr oder weniger mit häuslichen Problemen und Katastrophen vergangen, die mich aufsuchten und nahezu verschlangen. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass man entweder selber sein Leben formen kann oder umgekehrt:  Man wird vom Leben geformt! Egal, wie die Umstände, egal wie eingeengt, bedrängt oder machtlos einem die eigene Rolle erscheinen mag – irgendwo kann man sich immer ein winziges Stückchen Selbstbestimmung zurückerobern, neue Ziele setzen und sich in kleinsten Schritten ihrer Verwirklichung nähern. Das ist der Unterschied zwischen „Effekt und Ursache“, zwischen „traurig und fröhlich“, zwischen „tot und lebendig“!

 

Wenn ich ehrlich bin, habe ich in den letzten Monaten mehr tot als lebendig vor mich hin vegetiert und mich von allem überrumpeln lassen. Aber das ist so eine Falle. Man bemerkt es nie, wenn man selbst in der Situation drin steckt. Es ist niemals man selbst, der die Ursache für die Misere zu sein scheint und man sucht nur nach all dem, was an den anderen und den Umständen nicht okay ist und kommt so nicht aus dem Schlamassel heraus, was den Frust dann noch verstärkt…

Nun, es scheint, dass ich endlich die Kraft gefunden habe, da durchzubrechen! Irgendwann kam mir die Idee, dass man vielleicht nur das ändern kann, wofür man Verantwortung übernehmen kann. Alles andere scheint sich unserer eigenen Reichweite zu entziehen.

 

Endlich ist also bei mir die Notwendigkeit gekommen, mich doch etwas aufzuraffen, denn ich hing in der letzten Zeit nicht nur mental durch, sondern auch körperlich!

Letztendlich war mir all dies zu wider geworden und ich hatte versucht, mich an Zeiten zu erinnern, in denen es mir blendend gegangen war. Es war eine Gemeinsamkeit, die sich mir offenbarte: zu jenen Zeiten hatte ich immer ein sehr hohes Maß an Selbstdisziplin gehabt. Daraus hatte sich generell ein Zustand von gelassener Zufriedenheit ergeben und in der Tat viel Liebe, sowohl für mich selbst, als für andere.

 

Zunächst beschloss ich, Status zu machen, sowohl über meinen körperlichen, als auch über meinen geistigen Zustand. Natürlich war es unmöglich, völlig ehrlich mit mir selbst zu sein. Das wäre so urplötzlich auch zu überwältigend gewesen und 100%ige Ehrlichkeit, auf Deibel komm raus, hätte mir sicher eher geschadet, als genutzt. Denn wozu muss ich ganz genau wissen, wie beschissen es nun um mich steht und wie unheimlich viel besser es doch sein sollte? Hauptsache ist doch, dass ich weiß, in welche Richtung ich gehen muss und dass ich mich auf den Weg begebe! Und somit ist es wie mit so vielem im Leben: wenn man Änderungen schrittweise einführt, dann geht alles gleich viel schneller von der Hand. Selbst mit kleinen Schritten erreicht man schließlich das große Ziel!

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Apropos große Ziele… Es war mal wieder an der Zeit gewesen, meine Lebensziele zu überdenken und zu sehen, was noch relevant war und was ich doch lieber ändern wollte. Dann setzte ich mir aktuelle Ziele, suchte nach zu bewältigenden Aufgaben, schmiedete neue Pläne und räumte auf, wo immer ich konnte – sowohl in meinem Zuhause, als auch im Seelenleben. Und das funktionierte ganz phantastisch! Ich kann es nur jedem empfehlen, man fühlt sich einfach super-toll!

Mir fiel dann plötzlich auf, dass es ist im Grunde eigentlich egal ist, was andere tun. Das Ausschlaggebende ist, wie ich mich zu allem verhalte. Meine Güte, es ist doch mein Leben, das hier am Verkümmern ist, meine Träume, die nicht wahr werden!

 

Ich gelang endlich an den Punkt, an dem es mir egal war, wer meine Misere verursacht hatte und dafür angeprangert werden sollte. Ich wollte nur endlich wieder aktiv und glücklich sein und Dinge ausrichten, auf die ich stolz sein konnte! Ich wollte wieder SPASS haben, mich lebendig fühlen und konnte es kaum erwarten, meine Flügel auszubreiten um endlich wieder ganz oben zu schweben!!! Der feste Entschluss, mein Leben zurückzuerobern, war gefasst; jetzt ging es nur noch um die praktischen Details.

 

Mir war schon klar, dass ich meine Ernährungsweise ändern und auch für etwas Bewegung sorgen musste. Da fielen mir die Spitzenschuhe ein, die ich von John zu Weihnachten bekommen hatte. Nur war dafür jetzt wohl kaum der richtige Zeitpunkt… Doch es kann einfach nicht wahr sein, dass sie nur zum Träumen und zum Anschauen gewesen sind! Ja, Ture und seine missbilligenden Bemerkungen… Ha! Dem werde ich es zeigen! Welches Recht hat er überhaupt, sich vorschnell eine Meinung über einen anderen Menschen zu bilden? Er weiß doch gar nicht, welches Potential in jedem Menschen im Verborgenen ruht!

 

So beschloss ich zu sehen, wie weit ich mich nun doch auf Tanztraining einlassen konnte. Ich wollte auf jeden Fall nichts unversucht lassen. Wer nie versucht hat, nach den Sternen zu greifen, der kann sich wohl kaum beschweren, dass seine Träume nicht wahr werden, nicht wahr? Mein Handlungsplan sah so aus, dass ich zunächst alle Süßigkeiten gegen Obst, Nüsse und Trockenfrüchte austauschte und alle Chips und dergleichen gegen Vollkornbrot mit gesundem Aufstrich. Ich nahm mir auch vor, fortan täglich 3 Liter stilles Wasser zu trinken und begann schließlich,  jeden Tag 15 Minuten spazieren zu gehen und baute vorsichtige Stretching-Übungen und das Trainieren der Grundpositionen des klassischen Balletts mit ein.

So viel physische Aktivität konnte ich sowohl zeitlich, als auch in meinem jetzigen Zustand verkraften. Ich tröstete mich damit, dass Rom auch nicht an einem Tag gebaut worden war und solange ich durchhielt und mein Ziel nicht außer Augen verlor, würde ich schon das erreichen, was ich mir vornahm!

Ich würde einfach mit der Sache anfangen, die mir am Leichtesten fiel und mich dann allmählich vorwärts arbeiten und mich für jede beendete Sache belohnen. Dann würde es schon gehen!

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Stell dir vor, seitdem geht es auch mit Jonathan besser und er ist mehr oder weniger wieder der Alte. Am letzten Dienstag hatte er etwas ganz Besonderes geplant: In vielen Kleinstädten haben sie zur Zeit ihre ”Festuge” (Festwochen) mit Straßenkonzerten. Doch an diesem herrlichen Sommerabend hatte er mich ins Kino eingeladen und wir sahen ”Notting Hill”. Das war perfekt für ein Date mit dem Mann, den man schon fast seit Ewigkeiten (und heute eigentlich noch viel mehr als damals!) liebt.

 

Danach war die Sommernacht immer noch herrlich warm und alles war erleuchtet und ausnahmsweise wehte kein Lüftlein durch die alten Gassen. In der Ferne war schwach Musik zu vernehmen und bunte Lichter glitzerten in der Fußgängerzone zwischen den Bäumen. Es war mittlerweile fast 23.00 Uhr und wir hatten uns eigentlich auf den Heimweg begeben.

Dennoch waren wir neugierig geworden und wollten schnell noch sehen, was auf dem großen Platz los war und da hörten wir schon die ersten Noten von ”Verden er i Farver” („Die Welt ist farbig“) aus den Lautsprechern tönen, nahmen uns an die Hand und liefen, so schnell wir konnten, um ja nichts zu verpassen. Denn dieses fröhliche Lied ist von je her unser Lieblingslied gewesen!

 

Und siehe da, der Platz am Ende der Fußgängerzone war so voll mit Zuschauern wie er nur sein konnte! Doch merkwürdigerweise drängelte niemand. Alle summten, sangen und tanzten mit, als Lis Sørensen, samt Band, die dänischen Ohren verwöhnte und von Wellen, Wind, Meer und einer wunderschönen Welt sang. Etliche Nummern folgten und die Stimmung wurde immer ausgelassener, die fremden Menschen immer vertrauter und als wir uns schließlich gegen Mitternacht auf den Nachhauseweg machten, war es in dem Bewusstsein, dass wir seit Langem keinen so schönen Abend verlebt hatten!

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John schaute mich mit einem verliebten Blick von der Seite an und sagte:

You know, you are so beautiful, you could easily be a movie star like Julia Roberts from Notting Hill.”

Und ich fragte mich, warum eigentlich nicht alle Tage so schön sein konnten! Was braucht man denn schon zum Glücklichsein? Ein wenig Sonnenschein, ein frohes Gemüt und den Willen, etwas Gutes erleben zu wollen!

Im Karmasutra soll angeblich geschrieben stehen, dass ein guter Orgasmus einem für mehrere Monate, vielleicht sogar für ein ganzes Jahr Zufriedenheit schenken kann. Lach nicht!!! Ich denke darüber nach, ob es nicht vielleicht mit allen positiven Erlebnissen so ist. Vielleicht können wir von ihnen noch lange Zeit danach zehren?

Nun, wie dem auch sei – momentan hält der Zauber noch an und ich sende dir einen Hauch davon mit nach Deutschland – aus dem „dänischen Sommerland“, wie es hier so schön heißt!

Sei ganz lieb gegrüßt von Katharina

 

 

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