Die London-Vernissage

Der folgende Auszug stammt aus dem Buch Solkrogen 2 – Neue Horizonte

Solkrogen 2 - Neue Horizonte
Solkrogen, Freitag, den 7. Mai 1999
Liebe Béa!

Es ist geschafft! Vor zwei Tagen bin ich aus London zurückgekommen, und so ganz langsam beginnt der Stress sich zu legen. Die letzte Nacht habe ich nun auch schon wieder etwas länger geschlafen. Ich hatte mein Leben mehr oder weniger in “vor” und “nach” der Vernissage eingeteilt. Und nun ist also “danach”. Was für eine Erleichterung!
Die Ausstellung hängt zwar noch bis zum Monatsende, aber das Abhängen wird, gemessen an den, so umfangreichen Vorbereitungen, eine Kleinigkeit sein und glücklicherweise von anderen übernommen.

So vieles ist in den letzten Tagen geschehen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Vorneweg will ich dir noch einmal danken, dass Toulouse bei dir in Berlin sein durfte und dass Ihr so viel mit ihm unternommen habt! Jedes Mal wenn ich anrief berichtete immer ganz aufgeregt darüber. Ich hoffe, dass er überhaupt noch nach Hause will…

Also nochmals vielen Dank, du bist wirklich mein rettender Engel! (Und meine liebste Freundin zugleich!) Ich freue mich schon auf unser Treffen am Wochenende. Dann können wir es uns mal wieder so richtig gemütlich machen und in ein Berliner Café will ich auch mal wieder!  Jetzt ist es ja endlich wieder warm genug, um draußen zu sitzen. Wie liebe ich doch Straßencafés! Aber hier in Dänemark ist die Caféhauskultur eher verkümmert, so etwas erlebt man eben in Berlin, Wien und Paris und nicht in Solkrogen oder Helsingør.

Ich werde dir einen ausführlichen Brief schreiben, den ich zusammen mit dem Video von der Vernissage mitbringen werde. Denn ich sehe uns, wie wir uns gegenüber sitzen und du mich fragst, wie es war und ich sage: “Ja, alles ist bestens!” Was soll man in der kurzen Zeit, die wir haben werden, denn auch anderes sagen? Zeit, dich in die Abgründe meines Liebeslebens einzuweihen, wird wohl kaum verbleiben und ich will nichts groß aufrühren und dann inmitten des Schlamassels aufstehen und mit Toulouse zurück nach Dänemark fahren müssen. So bekommst du es lieber schriftlich und kannst es hinterher lesen.

Eigentlich sollte ich auf Wolken schweben! Das Telefon läutet unaufhörlich, der Briefkasten quillt über vor Angeboten, Glückwünschen, Bestellungen und Einladungen. Auf dem Sofa neben mir stapeln sich die Artikel über mich und die Ausstellung. Sie sind so zahlreich, dass ich sie nicht mal gezählt habe und Zeit, sie alle genau durchzulesen, habe ich auch nicht. Ich gucke nur kurz drüber; nichts zu persönliches und keine abwertende Kritik -also okay, wird auf den Stapel mit den anderen gepackt.
Die dänischen Medien haben mich fast in den Himmel gehoben. Dass eine junge Frau Dänemark bei einer so markanten, internationalen Ausstellung präsentiert, verkauft sich einfach gut. Stillgeschwiegen wird die Tatsache, dass ich ja eigentlich die französische und die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, denn wir wollen doch keine nationalen Gefühle verletzen.
Ironischerweise habe ich diesmal tatsächlich mehr zu verbergen, als nur meinen unpassenden Geburtsort! Privates gäbe es ausnahmsweise mal reichlich aufzustöbern und Fotos haben sie noch dazu! Nur zum Glück weiß kein Mensch, was Sache ist.

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Ich war ja direkt von dir aus nach London geflogen um rechtzeitig vor Ort zu sein, wenn meine Bilder, Artefakte und andere Dekorationsgegenstände eintreffen würden.  Das Aufhängen habe ich doch tatsächlich in zwei Tagen geschafft und dann blieb mir noch etwas Zeit, um in Geschäften nach spannenden Effekten Ausschau zu halten, mit denen ich die ländliche skandinavische Atmosphäre in meinen Ausstellungsräumen noch zusätzlich unterstreichen konnte. Ich ließ die Beleuchtung dämpfen und sorgte dafür, dass nur meine Bilder angestrahlt wurden. Das gab eine gemütliche und geheimnisvoll angehauchte Atmosphäre, die dann gut beim Publikum ankam.

Jonathan hatte am gleichen Tag wie ich ankommen sollen, aber an der Hotelrezeption lag ein Telegramm für mich. Er sei verhindert worden, würde vermutlich morgen nachkommen. Aber am nächsten Tag auch kein Jonathan, nicht mal ein weiteres Telegramm. Sein Telefon hatte ständig nur den Anrufbeantworter dran und auf Fax und E-Mails reagierte er ebenfalls nicht.

Die Ausstellung rückte näher, und selbst am dritten Tag war keine Spur von ihm, dafür aber von meiner „Lieblings-Verwandten“, Jacquelyn de Moutenard! Sie hatte all die Informationen, die mir fehlten, denn sie kam direkt aus Paris und behauptete, dort zufälligerweise John und Elinore gesehen zu haben. Erst wollte sie nicht so recht mit der Sprache heraus und zierte und wendete sich, wie eine Schlange es eben so tut. Dann aber servierte sie mir ein kleines Bröckchen nach dem anderen. Die Essenz ihres kleinen Spielchens war die Mitteilung, John und Elinore in einem Straßencafé gesehen zu haben – und zwar eng umschlungen und küssend!

Nun kenne ich Jacquelyn nur zu gut und weiß, wie sie es genießt, ihr Gift um sich zu spritzen und wie liebend gerne sie schon immer meine Ehe mit John kaputtmachen wollte. Aber etwas später kam Nadine. (Du weißt doch, wir waren damals immer zusammen, wenn ich Mémère in Grasse besuchte, und sie würde mir nie Lügen auftischen!) Nadine war mit Jacquelyn in Paris einkaufen gewesen und sie bestätigte mir letztendlich die Geschichte.

Noch ein Tag bis zur Vernissage. John hatte immer noch keinen meiner Kontaktversuche beantwortet! Was sollte ich bloß tun? BBC und ein Korrespondent von Danmarks Radio wollten ein Interview mit mir und gerne sollte auch der Mann meines Lebens mit dabei sein. Nun, das war leider nicht möglich und so mussten sie mit meiner Wenigkeit vorliebnehmen und im übrigen schadet es auch nichts, wenn die Engländer merken, dass Frauen auch unabhängig von einem Mann existieren können!

Dann, am Abend vor dem großen Tag, kam er! Stand mit Sack und Pack unten in der Rezeption, nachdem er sich schon im sechsten Hotel nach mir erkundigt hatte, denn die Galerie war ja schon geschlossen.

Aber wenn du jetzt denkst, es sei Jonathan gewesen, dann muss ich Dich enttäuschen! Nein, mein lieber Göttergatte gondelt irgendwo in Frankreich herum, vermutlich mit Elinore im Schlepptau und laut Telegramm, das ich nun gestern endlich bekam, will er dieses Wochenende nach Hause kommen. Na, Pech, dann bin ich schon wieder bei dir! Und so wie die Dinge stehen, tut mir das auch kein bisschen leid – ganz im Gegenteil, er darf ruhig ein wenig schmoren und merken, wie es sich anfühlt, wenn man auf jemanden wartet, der weder auftaucht, noch ein Lebenszeichen von sich gibt!

Aber wer wartete denn nun in der Rezeption auf mich? Es war Ture, der seinen Rückflug aus Indien so abgepasst hatte, dass er zur Eröffnung in London sein konnte. Stell dir vor, Ture kam aus Indien zu meiner Vernissage, John konnte es nicht mal über den Kanal schaffen!

Da standen wir nun unten in der pompösen Eingangshalle.
Ich fragte mich, ob es hier etwas gab, das nicht vergoldet war. Das unterschiedlichste Personal war sichtlich bemüht, uns ständig korrekt zu bedienen. Aber das war es eben: alles war so korrekt! Die Menschen waren in zwei Gruppen eingeteilt: “Wir” und “Ihr”. Die “Wir”s waren die Dienstboten. Die “Ihr”s die reichlich zahlenden und oft prominenten Gäste. Da war nichts von der in der Broschüre als so freundlich und familiär angepriesenen Atmosphäre des Hauses zu spüren. Hier ging’s nur um eins: Geld! Die Angestellten waren sicher nur nach Mindesttarif bezahlt und die Gäste waren die, die es dann wohl all zu reichlich haben müssten. Eine kalte, scheußliche Luft stand über den dicken purpurroten Läufern und ich fühlte mich auf einmal wie eine ausgenommene Weihnachtsgans. Nur nichts, wie weg von hier!

“Komm Ture, lass uns zu mir nach oben gehen, dann kannst du mir alles erzählen, was du erlebt hast. Meine Güte, du weißt gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich wieder zu sehen! Und dass du gerade jetzt kommst. Ich kann gar nicht fassen, dass du dich an meine Vernissage erinnert hast!”

Mein Hotelzuhause war eine Suite, die die Thornton-Galerie für mich gebucht hatte. Diese freundliche Geste ist anscheinend normal und natürlich steuerlich absetzbar. Eigentlich war sie ja für Jonathan und mich gedacht gewesen. Aber da dieser nun immer noch kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte und da auch für den Fall, das er plötzlich doch noch auftauchen sollte, immer noch reichlich Platz war, bot ich Ture an, mit einzuziehen. Klar, warum nicht? Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass er bei mir wohnt, oder? So langsam bekommt das Tradition! Daher nahm er mein Angebot ohne Zögern an.

Der Abend wurde so richtig gemütlich. Ich zündete Kerzen an und wir bestellten das Abendessen aufs Zimmer. Wie gebannt hing ich an seinen Lippen. Welch exotische Zustände in diesem fernen Land herrschten!

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Fotograf: Ebba Blytner

Er erzählte von den ersten drei Monaten, die er nur durchgehalten hatte, weil es eben vereinbart gewesen war und man nimmt nun mal sein Wort nicht zurück, wenn man es einmal gegeben hat! Die Leiden, Hunger, Armut und die völlig unzureichenden hygienischen Zustände waren mehr als ein Mensch aushalten konnte. Ture sagte, da versucht man nur auf den Meter vor sich zu sehen, nichts links und rechts zu bemerken und einfach nur zu helfen – soweit, wie es einem möglich ist. Den Rest musst du ignorieren, sonst wirst du wahnsinnig.
Ihn hatten die Rechte der Frauen nie besonders interessiert, aber spätestens nachdem die dritte junge Frau in seinem notdürftigen Krankenhaus an Verbrennungen dritten Grades gestorben war, die sie sich durch die Explosion eines primitiven Gaskochers zugezogen hatte, kam er auf andere Gedanken. Das Schlimmste war für ihn, dass die Frauen bis zum Schluss versicherten, dass es ein Unfall gewesen war, und dass die Schwiegerfamilie nichts damit zu tun hatte. Als der Mann der letzten Toten dann noch beteuerte, dass sie eine gute Ehe gehabt hätten, aber dass sie einfach nicht mit Kindern gesegnet worden waren, gab ihm dies den absoluten Rest.

Tja, so werden dort Ehen geschieden; die Schwiegerfamilie arrangiert einen kleinen “Küchenunfall”, wie das so schön heißt. Auch Amnesty ist das ein Begriff, aber leider sind die da genauso machtlos. Ab und an stellt die Polizei sogar Nachforschungen an, doch in der Regel kommt da nie was bei raus. Die Opfer halten bis in den Tod daran fest, dass es ein Unfall war und die anderen jungen Frauen  wollen auch nichts sagen – aus Angst, dass ihnen das Gleiche widerfahren würde.
Es war ihm auch zuwider, zu impfen und Medikamente auszuteilen, wenn das, was die Bevölkerung wirklich brauchte, ein Brunnen mit unverseuchtem Wasser war!

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Fotograf: Ebba Blytner

Dann die sozialen Zustände. Auf der einen Seite die Herzlichkeit. Selbst die Ärmsten luden ihn noch ein, ein Mahl mit ihnen zu teilen und auf der anderen Seite diese hemmungslose Korruption und Ausnutzen der Schwächsten. Indien ist gar kein so armes Land, wie es scheint! Es ist nur so, dass einige wenige den Hals nicht voll genug bekommen können und andere dafür hungern und ohne Chancen leben müssen. Satelliten und Atombomben sind Dinge, die reichen Indern wichtiger sind, als soziale Gerechtigkeit innerhalb des Landes. Mindestens 40% der Bevölkerung betteln immer noch um die grundlegendsten Dinge des Lebens: Trinkwasser, Essen, Schulen, gesundheitliche Versorgung und Friedhöfe. Ja, Friedhöfe! Stell dir das mal vor! Und gleichzeitig das enorme Bevölkerungswachstum.

Nachdem die drei Monate um waren, konnte er es keine Minute mehr länger in Bhatpara aushalten. Typisch Ture, zog er ins nächste Luxushotel, und wollte eigentlich am darauffolgenden Tag gleich abreisen. Seine Pflicht hatte er getan und das Zugesagte gehalten; jetzt war er fertig mit Indien. Dieses Chaos würde ohne ihn auskommen müssen, tat es ja sowieso! Er konnte doch nichts daran ändern, sondern musste nur den Horror mitansehen.

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Fotograf: Ebba Blytner

Dann siegte jedoch seine Neugierde. Wenn er nun schon dort war, wollte er sich wenigstens noch Kalkutta und Delhi ansehen. Kalkutta war auch ein Erlebnis der besonderen Art. Er kam die Chowringhee Road hinunter und wollte das feine Indian Museum mit seinen Portalen und Säulen im griechischen Stil besuchen. Dahinter, zwischen großen Müllhaufen, sitzen die Armen im Rinnstein und warten mit ihren Bettelschalen außerhalb des Hauses der Heilsarmee auf die tägliche Mahlzeit.
Schräg gegenüber liegt das mondäne Lytton Hotel, das ein Dachrestaurant mit Aircondition hat. Hier trifft sich nachmittags der Jetset zu einem “Sundowner” und genießt die Aussicht über die Millionenstadt. Die Sudder Street ist voller Zuhälter, Bettler und Pusher, die einem kein Angebot vorenthalten wollen. Etwas weiter liegt das Fairlawn Hotel, das an das Indien der Kolonialzeit erinnert. Ober in weißer Kleidung servieren hier die Gerichte der alten englischen Küche. In dieser nostalgischen Umgebung kostet eine einzige Übernachtung mehrere Monatsgehälter der Tagelöhner, die sich jeden Tag, nur wenige Meter vom Eingang des Hotels, anbieten. Sollte man hier eines Abends etwas länger bleiben, dann muss man aufpassen, dass man nicht über die vielen Inder fällt, die in Pappe und zerrissene Decken gehüllt, dort auf dem Bürgersteig schlafen.

Delhi war nicht viel besser. Er war gerade dabei zu packen, als er mit dem Zimmermädchen ins Gespräch kam. Eigentlich hatte er nur um Handtücher bitten wollen, aber dann überraschte ihn, dass sie ein so perfektes Englisch sprach. Sie kamen ins Gespräch. Ihr Name war Daliah und zu seiner Überraschung studierte sie Medizin. Als Zimmermädchen verdiente sie das Geld, um ihre Mutter und die noch zuhause lebenden Geschwister mit zu unterstützen.

Ture erzählte ihr von seinen Erlebnissen in Bhatpara und Kalkutta und wie machtlos und frustriert er sich fühlte. Er könne keine Struktur, keine Ordnung und keinen Sinn in all diesem Leid und all den Ungerechtigkeiten erkennen. Sie hingegen erwiderte, dass Buddha sagte, “leben sei leiden” und redete über die Natur des Karmas. Sie lud ihn ein, ihren Bruder und ihre Familie kennen zu lernen. Ein Angebot, was man nicht so oft bekommt: eine gebildete indische Familie, die nicht zum Jetset gehörte, wo die Tochter Zimmermädchen und Studentin zugleich war! Er entschloss sich, den Flug um einen Tag aufzuschieben. Zeit hatte er ja genug!

Aus diesem einen Besuch wurden viele und eine flüchtige Bekanntschaft vertiefte sich in gute Freundschaft. Daliahs Bruder Mhutama war das Familienoberhaupt. Auch er war so privilegiert gewesen, eine Schulausbildung zu genießen und hatte vor dem Tod des Vaters sogar in England studieren können. Trotzdem will er in ein buddhistisches Kloster gehen, sobald Daliah und die Familie versorgt sind.

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Fotograf: Ebba Blytner

Der Buddhismus spielt eine große Rolle in aller Leben. Einmal jährlich pilgert Mhutama sogar nach Dharmasala, zu Dalai Lamas Exil. Die diesjährige Fahrt stand bevor, Ture wurde eingeladen und sagte zu. Nun sollte er doch noch eine ganz andere Seite Indiens kennen lernen!

Ich traute meinen Ohren kaum, so erstaunlich war seine Berichterstattung! Mein gutbürgerlicher Ture auf einer Wallfahrt durch Indien! Die visuelle Vorstellung dessen ließ mich leise in mich hinein kichern. Doch seine Stimme riss mich zurück in die Gegenwart! Er redete von persönlichen Einsichten und Erkenntnissen, davon, dass er Antimaterie dem Stofflichen als übergeordnet ansehe und wie Absichten unsere Erlebnisse beeinflussen und verursachen. Nun verstand ich plötzlich das Buch, das er mir geschickt hatte! Diese beiden Geschwister mussten es in sich haben! Wie gerne hätte ich sie persönlich getroffen!

Der Abend war zur Nacht geworden, die Kerzen waren fast herunter gebrannt und wir saßen immer noch und redeten. Ich musste früh raus, aber ich hatte auch keine Lust, jetzt allein zu sein und genoss seine Gegenwart und die Wärme, die er ausstrahlte. Ja, ich hatte ihn vermisst! Alte Freundschaft rostet wohl nie und aufrichtige Zuneigung verblasst ebenfalls nicht. Irgendwo wird er immer einen Platz in meinem Herzen einnehmen, egal wie die Dinge stehen.
Ich sah ihn an. Schön, dass er etwas Farbe bekommen hatte! Auch wirkte er lebendiger und war nicht mehr so fürchterlich dünn. Ironisch, dachte ich; er hat in Indien zugenommen! Mit seinen weiß-blonden Haaren sah er richtig attraktiv aus und wusste wieder, was er wollte.

Er fragte mich, woran ich dachte und ich errötete. Verdammt noch mal, das war doch mein bester Freund! Reiß dich zusammen Katharina!
“Indien scheint dir gut getan zu haben.”
“Ja, es war mit Sicherheit ein Erlebnis gewesen! Aber wie stehen die Dinge auf der nördlichen Halbkugel? Du hast nie geschrieben.”
“Wie sollte ich auch, du hast ja keine Adresse hinterlassen!”
“Ist auch wieder wahr. Wie geht’s mit der Ausstellung? Ist alles fertig für morgen?”
“Ja, ich muss nur noch aufpassen, dass die Blumenarrangements an die richtigen Stellen kommen und sehen, dass die Lieferfirma, die die Veranstaltung ausrichtet, das Buffet wie abgesprochen aufbaut und überall die obligatorischen dänischen Fähnchen verteilt. Schließlich soll man ja merken, wo ich herkomme!”
Er lachte.
“Wo ist John? Ich dachte, er würde hier sein.”
“Tja, das dachte ich auch!”
Und ich erzählte ihm, was geschehen war und konnte wohl kaum verstecken, wie enttäuscht ich war. Dass er jetzt nicht hier war, war eine Sache, aber das Ganze ging ja schon seit einer Weile so! Nie war er Zuhause, immer auf dem Sprung, immer mit Elinore in greifbarer Nähe. Anfangs hatte es mir nicht so viel ausgemacht. Wir haben immer eine nahe und tiefgehende Beziehung gehabt, vollkommenes Vertrauen und Offenheit waren neben solider Freundschaft das Fundament, auf das wir bauten. Jedoch waren die Monate vergangen und ich sah ihn kaum noch. Woher sollte ich da wissen, wie er dachte und was in ihm vorging? Ich wusste ja nicht einmal wo er war und was er genau machte!

Und dann sah ich ihn mit Elinore zusammen. Sie lachten gemeinsam über die gleichen Dinge, verfluchten die gleichen Leute und arbeiteten am gleichen Projekt. Hand in Hand, Seite an Seite. Da fragte ich mich auf einmal, welchen Platz ich da noch in seinem Leben einnahm. Wenn er überhaupt nach Hause kam, dann höchstens noch zum Schlafen! Okay, das Projekt war wichtig und vieles stand auf dem Spiel. Aber er verbrachte ganz klar die meisten Stunden mit Elinore und nicht mit mir! Und wenn er tatsächlich mal Zuhause war, dann erzählte er nur von ihr und wie ungerecht sie hier und da behandelt wurde und dass er ihr doch helfen wolle. Gemeinsam gingen sie zum Tennis und zum Essen und lasen Bücher über Numerologie und weiß? der Kuckuck was. – Gemeinsam! Irgendwann war mir das zu viel Gemeinsamkeit!

Mist! Eigentlich hatte ich das Ture nicht unbedingt auf die Nase binden wollen, aber ehe ich mich versah, war es schon draußen! Du kennst mich, ich kann nie etwas lange für mich behalten!

Er sagte nicht viel. Drückte mich einfach nur an sich. Was sollte er auch sagen? Dass alles gut werden würde? Dass John bestimmt nichts mit Elinore hatte und mich noch immer über alles liebte? Nein, er war wohl kaum in der Lage, mir das zu versichern!
Er meinte, es sei spät, ich müsse ja früh aufstehen und vielleicht sollten wir doch lieber… Aber ich konnte nun wirklich nicht schlafen, denn ich war viel zu aufgebracht!
“Nein, geh nicht, ich will nicht allein in dem großen Himmelbett liegen und daran denken, dass die andere Hälfte deshalb leer ist, weil Elinore in Frankreich Gesellschaft hat! Bleib noch ein wenig hier, wenn du nicht zu müde bist.”
Er blieb.

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Irgendwann streiften die hellen Strahlen der ersten Morgensonne mein Gesicht und ich wachte blinzelnd auf. Ich versuchte, mich aufzurichten. Wo war ich? Was war geschehen? Neben mir rührte sich nun Ture. Wir waren doch tatsächlich beide auf dem Sofa eingeschlafen!
Ich schaute auf die Uhr. Trotz früher Stunde verblieb mir weniger Zeit als erhofft und ich musste mich beeilen, wenn ich alles noch rechtzeitig schaffen wollte.

“Wie spät ist es?”
kam es nun auch verschlafen aus der Tiefe der Kissen meines kuscheligen englischen Sofas.
“Ist noch viel zu früh für dich! Zieh dich mal aus und leg dich in das gro?e Bett, du hast ja sicher noch einen “Jetlag”. Ich bin in vier Stunden wieder da, dann können wir gemeinsam frühstücken und fahren danach zur Galerie.”

Die Ausstellungseröffnung war ein großer Erfolg. Ich hatte in meinen wildesten Träumen nicht mit so vielen Leuten gerechnet. Aber ich war ja auch nicht die Einzige, die ausstellte… Trotzdem, das Interesse an meinen Werken war äußerst rege.

Viele Reden wurden gehalten und ich sagte ebenfalls ein paar Worte. Natürlich war ich in rot-weiß gekleidet, um Dannebrog alle Ehre zu erweisen. Mias großen Hut aus Lappland hatte ich auch auf. Es war keine Frage, wer hier die dänische Künstlerin war, meinte Ture grinsend!

John war immer noch nicht aufgetaucht. Noch vor einigen Monaten wäre dieses Verhalten seinerseits völlig undenkbar gewesen und ich hätte schon längst die Polizei verständigt. Aber seit er mit Elinore… Nun ja, es ist nicht die erste Verabredung die er bricht, nicht das erste Mal, dass ich auf ihn warte und er erst Tage später kommt! Bislang hatte er es immer geschäftlich begründet und ich habe ihm brav geglaubt und auch keinen Grund gesehen, anderes zu vermuten.

Ture nahm den Platz an meiner Seite ein, erklärte Interessenten meine Werke, Inspirationsquellen und vieles mehr, tauschte Visitenkarten aus, nahm Vorschläge und Nachfragen entgegen und redete mit der Presse. All das, was John sonst zu tun pflegte. Reichlich posieren musste ich auch und da alle dachten, Ture wäre mein Mann, ist er auf vielen Bildern mit drauf.
Natürlich waren wir die Letzten, räumten hinter den Gästen und regelten noch so einiges mit den Leuten der Galerie.

Ich sage dir, ich war heilfroh, als ich endlich am frühen Abend in das Sofa meiner Suite sinken und die Schuhe weit von mir werfen konnte! Jetzt wollte ich nur noch ein warmes Bad und dann nichts wie endlich schlafen! Ture sah nicht viel wacher aus. Keiner von uns hatte jetzt noch große Lust, sein Bett herzurichten und so schlief er neben mir ein.

Wir blieben noch ein paar Tage in London, wollten doch gerne noch die Stadt erkunden. Ich genoss seine Gesellschaft. Es war schön, die Vertrautheit zu spüren, die uns verband. Ich weiß nicht, wie viele Jahre wir uns nun schon kannten. All die Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten und die grundlegende Liebe, die uns eigentlich schon immer vereint hatte! Herrlich, einmal ganz ohne Kinder und ohne Verpflichtungen zu sein! Es war Frühling in London und ich blühte auf wie die zahlreichen Tulpen in den großen Kübeln am Hoteleingang!

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Der Tag der Abreise kam viel zu schnell und in Dänemark wartete der Alltag wieder auf uns. Ich konnte es Ture anmerken, er wollte gar nicht heim, in das große kalte Haus, wo alles noch an Maria erinnerte. Aber irgendwann musste er zurück. Und zum Glück war da ja auch noch Inger, die gute Seele des Hauses!

Ich hatte ihr telefonisch Bescheid gegeben und sie war sicher schon am Backen, um Ture gebührlich zu empfangen. Liebste Inger! Was würde er nur ohne sie machen?! Wie viele Jahre war sie eigentlich schon bei ihm? Zwanzig waren es bestimmt schon! Wahrscheinlich sogar mehr! Gäbe es sie nicht, hätte er das Haus sicher schon längst verkauft und … Tja, was hätte er dann gemacht? Wie weit muss man rennen, bis einem die Vergangenheit nicht mehr einholen kann? Alles kommt doch irgendwann zurück. Das Leben ist wie ein Boomerang. Weglaufen nützt doch nichts!

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Fotograf: Rhoda Winther

Ich beobachtete ihn, wie er es sich im Flugsitz bequem machte. Er drehte den Kopf zur Seite und drückte meine Hand. “Alles wird schon werden,” hatte diese Geste zu bedeuteten. Wie gerne würde ich ihm doch glauben! Ach was! Dran ändern konnte ich jetzt sowieso nichts! Also lehnte ich mich ebenfalls zurück und schloss die Augen.

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