Erntedankfest in Solkrogen

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Fejø, Freitag, 26. September 2014 – Das Erntedankfest

Glücklicherweise gab es aber auch weitaus fröhlichere Ereignisse. Eines davon war das Erntedankfest in Solkrogen, zu dem wir alle aus Fejø anreisten. Entgegen dem amerikanischen Thanksgiving-Fest, das stets am 4. Donnerstag im November stattfindet und dem kanadischen, das, wenn ich mich richtig erinnere, wohl am 1. Montag im Oktober ist, feiert man in Dänemark das Erntedankfest, wann immer man meint, dass ein wichtiger Teil der Ernte eingefahren ist. Das kann unter Umständen schon im August sein, oder erst Ende Oktober. Das spielt keine Rolle, es ist ja kein offizieller Feiertag. Man feiert einfach, wenn ein Großteil der Gemeinde meint, dass es ihnen passt.

Ich freute mich sehr, wieder mit dabei sein zu können. Als Kind hatte ich diese Erntedankfeste sehr geliebt. Sie waren immer so richtig gemütlich gewesen, mit den urigen Dekorationen in der Scheune des ökologischen Großbauerns und dann wurde natürlich auch zum Tanz aufgespielt und alle Mädchen hatten sich immer ganz besonders hübsch zurechtgemacht. Heutzutage war da zwar nicht mehr so viel mit tanzen von meiner Seite aus und die Landmine hatte auch ihre Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Daher war es also begrenzt, wie weit ich diese Seite des Festes noch würde genießen können. Doch die Gemütlichkeit war immer noch vorhanden und all meine Erinnerungen, wie schön es früher immer gewesen ist und dann waren da natürlich die Leute von damals, die sich zu diesem wichtigen, und allerseits beliebten, Ereignis wiedertrafen.

Auch dieses Jahr gehörten Mama und Sophie-Louise wieder zu den Hausfrauen von Solkrogen, die sich bereit erklärt hatten, die unterschiedlichsten Speisen für das große Herbstbuffet zuzubereiten.

Und so ging es in Sophie-Louises Küche geschäftig zu. Mama hatte selbst die ganz Kleinen noch mit eingespannt. Als Myriam mitbekam, was in Solkrogen los war, wollte sie auch unbedingt zu ihrer Oma, um mit ihren Cousins mitzubrutzeln und zu backen.

Also taten wir ihr den Gefallen und fuhren schon einen Tag früher hin.

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In Solkrogen war alles so wunderschön herbstlich dekoriert, wie ich es noch aus meiner Jungend- und Kinderzeit kannte. Man konnte wirklich sehen, dass Erntezeit war, denn Oliver und Sophie-Louises Bande hatte anscheinend gerade den Gemüsegarten leer geerntet. Überall standen Kisten mit Obst und Gemüse herum, die noch im Keller verstaut werden mussten und selbst in der Küche waren Schalen mit frischen Köstlichkeiten, die darauf warteten, für das Erntedankfest verwertet zu werden.

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Ich war froh, dass dies ein Haus voller Kleinkinder war, denn so fiel es uns leichter, mit Prinz Henry hier zu sein. Er war jetzt schon bald ein halbes Jahr alt und natürlich drehte sich bei uns zuhause alles mehr oder weniger um seine königliche Hoheit. Knapp 70 cm lang und schon 7500 Gramm schwer, konnte er nun nicht nur schon alleine aufsitzen, er lebte auch nicht mehr ausschließlich von Brustmilch, sondern hatte, genau wie jedes andere Gainsbourg-Latour-Kind auch, inzwischen zerdrückte Avocado mit Zitronensaft zu seinem Lieblingsgericht erklärt. Natürlich bekam er auch etwas selbstgemachtes Kartoffel-Gemüsepüree mit Butter und pürierte, frische Früchte. Doch es gab anscheinend nichts, was seine Vorliebe für Avocados trüben konnte. Er liebte es auch, mir den Löffel zu entreißen, um dann ganz frech zu dreinzuschauen. Manchmal versuchte er, sich selber zu füttern, nur um dann doch wieder voller Wonne auf dem Löffel herumzukauen und breit zu grinsen.

Hier in Solkrogen trank er dann zum ersten Mal aus einer Baby-Tasse, die Sophie-Louise noch im Schrank hatte, und die immer so wunderschön hin und her wippte. Das hatte doch sofort seine Aufmerksamkeit erfasst und musste natürlich ausprobiert werden! Sophie-Louise hatte auch extra frischen Orangensaft für ihn gepresst, welcher ihm hervorragend mundete.

Noch besser fand er aber all die kleinen Würmchen, die selber in Solkrogen residierten und ihn allerliebst bemutterten. Da war er so ganz in seinem Element. Das war ja noch besser, als mit seiner eigenen Schwester, denn hier lag ihm ja gleich ein ganzer Hof zu Füssen! Natürlich musste es nach Strich und Faden ausgenutzt werden. Ist doch klar!

Dank all der familiären Unterstützung, hatten Yves und ich dann tatsächlich auch einmal ein paar freie Minuten für uns selbst, was bei unserem ansonsten extrem arbeitsintensiven Alltag auch mal wieder eine schöne Abwechslung war.

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Wir hatten uns überlegt, was wir wohl am Besten zum Fest beitragen konnten und so kam Yves mit etlichen Litern frisch gepresstem Apfelsaft und ich hatte die Rosenhecken geplündert, die einen Teil meines Gartens umrankten. Jetzt waren kleine Hagebutten an den Zweigen und sie würden eine einfache, aber schöne, herbstliche Dekoration ergeben. Also hatten wir sie gleich kistenweise ins Auto verfrachtet.

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Es gelang uns dann auch tatsächlich ganz gut, den improvisierten Ballsaal in der großen Scheune so schön zu schmücken, dass das Ambiente wundervoll gemütlich und romantisch aussah. Oliver, Toulouse und die anderen Jungens im Dorf hatten die Scheune noch zusätzlich mit Heuballen dekoriert. Einige der älteren Damen hatten sogar Kränze aus Ähren geflochten, die an den Wänden aufgehängt wurden und die lokalen Künstler, Mama inklusive, hatten überall ihre verschiedenen Kunstwerke aufgehängt und hingestellt. Alles sah sehr hübsch aus und wurde wundervoll von Lichterketten und kleinen Lampen beleuchtet. Zu viele Kerzen konnten wir ja nicht haben, sowohl wegen der Brandgefahr, als auch wegen des Sauerstoffmangels. Wir wollten ja schließlich nicht riskieren, dass uns die Leute reihenweise aus den Schuhen kippten.

Endlich war es an der Zeit, die ersten gebackenen Köstlichkeiten aus Sophie-Louises Küche zu kosten. Sie hatte uns ja sowieso schon seit Ewigkeiten mit dem Duft verführt.

Unter anderem hatte sie eine Luxemburger Mini-Version des elsässischen Fammkuchen gebacken. Dazu gab es dann einen Marmorkuchen, der auch himmlisch schmeckte, weil er mit Butter und frischen, eigenen Eiern gebacken war.

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Photographer: Jillian W Gibson

Flamekuche – die luxemburgische Version des traditionellen “Flammeküche/Flammkuchen” oder “tarte flambée”, der eigentlich aus dem Elsass stammt

Für diese Mini-Version dieser kleinen Küchlein (die Luxemburger Version ist auch etwas höher, während der Kuchen aus dem Elsass eher ganz flach ist) 250 g Mehl mit ½-1 TL Hefe, 2 EL geschmolzener Butter und einer halben Tasse warmen Wasser verrühren. Gut durchkneten und zugedeckt den Teig aufgehen lassen. Kleine Törtchen-Schalen in der Hand formen und in eine eingefettete Muffin-Form setzen.

1 gehackte Zwiebel in Butter anbraten, 250 g Champignons, in Scheiben, hinzugeben und so lange braten, bis alles gold-braun ist, 100 g fein gewürfelten, geräucherten Schinken (oder Speck) hinzugeben und noch ein wenig weiter braten.

Von der Kochstelle nehmen und mit 200 g Hüttenkäse, 200 g saurer Sahne, 3 Eiern und 100 g geriebenen Käse vermengen und die Mischung in die noch ungebackenen Küchlein-Schalen füllen. Mit Backpapier bedecken und bei 180 Grad Celsius 15 – 40 Minuten backen. – Das hängt davon ab, wie groß die Kuchen sind.

Erklärung

http://de.wikipedia.org/wiki/Flammkuchen

…und hier die super-leckre Pflaumen-Version:

http://revue.lu/gastro/quetschentaart/

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Marmorkage

(Marmorkuchen)

Den Ofen auf 180 Grad aufheizen. Kuchenform einfetten. 225 g geschmolzene Butter, 225 g Zucker, 4 Eier, 1 TL Backpulver, 225 g Mehl, 3 EL Milch und Bourbonvanille oder Vanillezucker miteinander verrühren.

Den Teig auf 2 Schüsseln verteilen. 2 EL Kakaopulver in die eine Teigmischung hinein rühren.

Die Hälfte des hellen Teigs in die Kuchenform geben, dann den braunen Teig und anschließend den Rest des hellen Teiges hinzufügen. Mit der Gabel den Teig etwas verrühren, so dass ein Marmor-Muster entsteht.

Kuchen mit Backpapier bedecken und ca. 45-55 Minuten backen, bis die Mitte nicht mehr feucht ist.

Nachdem wir uns alle sattgekostet hatten, war es Schlafenszeit für die Kleinen. Morgen würde es ein sehr langer Tag werden und so mussten sie diesmal früh ins Heiabettchen.

Wir Erwachsenen machten es uns noch ein wenig gemütlich, sahen alte Familienvideos und tauschten Anekdoten aus, bevor wir uns ebenfalls zurückzogen.

Prinz Henry war nun schon so pflegeleicht, dass er meist durchschlief. Auch weinen war ihm eigentlich viel zu anstrengend und völlig unter seiner Würde. Doch sollte er tatsächlich einmal nicht vollends vergnügt sein, half es in der Regel, wenn man ihm erzählte, wie wundervoll er war. Dann fing er meist ganz schnell wieder an, zu lächeln und saugte abermals vergnügt an seinem Schnuller.

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Mama und Sophie-Louise begannen schon am frühen Nachmittag, die vielen Speisen für das Buffet aufzubauen. Das war wirklich endlos, was da angeboten wurde. Und was es da nicht alles gab! Ich machte mir nicht einmal die Mühe, die unendlich vielen Teller, Platten und Schüsseln zu zählen. Ich war mir auch so sicher, dass hier mehr als genug für alle war und im Grunde hätten wir eigentlich auch das Nachbardorf einladen können, so reichlich hatten wir an Getränken und den verschiedensten kulinarischen Köstlichkeiten!

Jetzt mussten wir noch schnell nachhause und uns alle umziegen und zurechtmachen, damit wir rechtzeitig zum Partybeginn wieder hier sein konnten. Inzwischen waren auch Ejnar und Else Marie eingetroffen. Ich wusste gar nicht, dass sie mit von der Partie sein würden. Doch Mama und John hatten sie wohl eingeladen. Neuerdings scheinen sie recht viel von einander zu sehen. Nun, mir sollt’s egal sein, Else Marie war mir gegenüber zwar ein wenig komisch gewesen, als wir die Brautjungfernkleider anprobieren mussten… doch ansonsten waren sie eigentlich ganz in Ordnung, als sie nach Toulouses Hochzeit noch eine Woche bei uns blieben. Überraschenderweise hatten sie auch gewaltig mit angepackt, als es ums Aufräumen nach dem Fest ging. Das hatte ich den feinen Nordseeländern gar nicht zugetraut gehabt und ich war auch sonst sehr positiv überrascht gewesen.

Dass ich gleich noch weitaus überraschter werden sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen…

Mittlerweile schienen nun auch die allerletzten Gäste eingetrudelt zu sein und alle waren dabei, Platz zu nehmen. Eigentlich hätten wir wohl besser Platzkarten anfertigen sollen, doch keiner von uns hatte daran gedacht und somit nahm man einfach dort Platz, wo es gerade passte. Mama und ich gehörten zu den Letzten, die sich dazwischenquetschten und da merkte ich es zum ersten Male: Die Frau neben mir stand auf und suchte sich einen anderen Sitzplatz. Ich kannte sie gar nicht. Sie war wohl neu hinzugezogenen. Ich dachte mir nicht groß was dabei und freute mich, dass wir nun etwas mehr Platz hatten, doch dann zog die andere Frau, die jetzt meine Tischnachbarin war, ihr Kind weg und setzte es auf ihre andere Seite.

Irgendwie kam mir das jetzt etwas komisch vor, doch mit Sicherheit gab es dafür eine völlig harmlose Erklärung.

Das Empfangsgetränk wurde nun serviert, große und kleine Reden wurden gehalten und wir stießen alle an. Und da passierte es schon wieder! Als ich meiner Nachbarin freundlich zunickte und mein Glas erhob, wirkte sie schon fast angeekelt.

Was ging hier vor? Waren plötzlich alle gegen mich? Florierten hier irgendwelche Gerüchte hinter meinem Rücken oder war es in der Tat mein Aussehen? Ich hatte eigentlich gedacht, dass man das in der schummrigen Beleuchtung, die hier in der Scheune herrscjhte, gar nicht so genau sehen konnte…

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Else Marie, die mir gegenüber saß, schien es anscheinend ebenfalls bemerkt zu haben und lächelte mir aufmunternd zu.

Dann war die große Schlacht ums kalte Buffet angesagt und ich wollte die Gelegenheit wahrnehmen, mit einigen meiner alten Schulkameraden zu reden, die ich zufällig am Buffet stehen sah. Ich war ja schon so lange nicht mehr hier gewesen und hatte auch seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihnen gehabt. Das Allerletzte, was sie noch von mir wussten, war, dass ich nach Amerika gegangen war, um meiner Modellkarriere und Hollywood eine Chance zu geben.

Meine ehemals beste Freundin Amanda, mit der ich die Schulbank so viele Jahre lang geteilt hatte, drehte sich gerade zufällig um. Als ich die Gelegenheit wahrnahm, sie spontan zu begrüßen, schien ihr das Entsetzen  nicht aus ihrem Gesicht zu weichen und sie stotterte verlegen: „Meine Güte, Mia…“, um eben auch schnellstmöglich wieder wegzueilen.

Mit gesenktem Kopfe und nur halb gefülltem Teller setzte ich mich stillschweigend wieder an den Tisch. Plötzlich spürte ich, wie jemand neben mir Platz nahm, um kurz darauf meine Hand zu tätscheln.

Ich sah verstohlen auf und erblickte Else Marie, die mir wieder zunickte. Ich biss mir auf die Lippe. Die Tränen waren dabei, mir über die Wangen zu rollen. Ich trocknete sie diskret und konnte gerade noch einen weiteren Tränenfluss zurückhalten. Else Marie wollte mir etwas zuflüstern, doch da wurden wir von einem der Musiker unterbrochen, der gerade die nächste Welle von Reden ansagte. Unglaublich, wie viele Danksagungen da stattfanden, wie viel lokale Helden gepriesen wurden und aber auch wie viele neue Leute sich hier vorstellten!

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Eigentlich hatte ich jetzt genug von dem ganzen Abend gehabt und wollte aufstehen, um Yves zu suchen und nach Hause zu gehen. Noch mehr Missachtung und Endwürdigungen konnte ich einfach nicht verkraften. Das wäre auch zu massochistisch gewesen, denn es stand jetzt ja fest, dass man mich für ein verkrüppeltes Monster hielt, mit dem man nichts mehr zu tun haben wollte.

Gerade als ich mich erheben wollte, stand Else Marie auf und drückte mich sanft auf meinen Stuhl zurück. Dann ging sie auf die Bühne zu und sicherte sich die darauffolgende Redezeit.

Guten Abend allerseits!“

Sie blickte fröhlich in die Runde.

Das ist wirklich ein wunderschönes Fest, das ihr hier habt. Wunderschöne Dekorationen, super-leckeres Essen und auch die Musik. Echt, man muss es euch lassen, hier in Solkrogen wisst Ihr, wie man feiert!“

Sie machte eine Geste und deutete fast gleichgültig auf ihre extrem teure Kleidung.

Ihr könnt sicher sehen; ich bin nicht von hier. Ich komme aus Fredensborg, Nordseeland.

Na ja, das wisst ihr sicher schon, wo das ist… schließlich haben wir ja die königliche Sommerresidenz bei uns im Ort.

Doch wisst ihr was? Jetzt, wo ich gehört habe, wie so viele neu Hinzugezogene sich vorgestellt haben und nun wo ich gesehen habe, wie herzlich ihr alle in eurer Mitte willkommen heißt, da hat mich das auch ermutigt, euch ein bisschen mehr zu erzählen.“

Sie schaute sich prüfend im Saal um und lächelte abermals.

Ich wette, ihr habt euch alle von meinem perfektem Dänisch und meinem Namen irreführen lassen. Für jene von Euch, die mich noch nicht kennen: Ich heiße übrigens Else Marie Hansen. So richtig dänisch, nicht wahr?“

Sie schüttelte ihren Kopf .

Ich bin aber nicht in Dänemark aufgewachsen, sondern in Bosnien. Mein Vater war zwar Däne, aber meine Mutter war von dort.

Ist schon mal einer von Euch dort unten gewesen?“

Sie schaute sich erneut unter den Zuhörern um.

Ein paar vereinzelte Hände reichten in die Höhe und sie nickte anerkennend.

Eine wunderschöne Gegend dort, nicht wahr?

Und darum war mein Vater auch dahin gezogen: Das Klima, die Leute, der kulturelle Reichtum… eigentlich hatte ich eine wunderschöne Kindheit, in der es mir an nichts fehlte. Ganz im Gegenteil, wir lebten nahezu im Paradies, hatten sogar ein wunderschönes Sommerhaus an der Küste.

– Bis dann eines Tages der Krieg ausbrach.“

Sie holte tief Luft und versuchte, sich schnell zu sammeln.

Da war alles von einem Tag auf den anderen vorbei. Mein wunderschönes Zuhause war zerstört und mein Leben ebenfalls. Meine Eltern waren gleich bei einem der ersten Angriffe ums Leben gekommen und dann stand ich da, alleine mit meinem kleinen Bruder, und wusste nicht, wie ich uns versorgen sollte oder wo wir Unterschlupf finden konnten. Ich werde euch die fürchterlichen Details ersparen, doch irgendwann kam dann endlich Hilfe. Sergej und ich wurden endlich in einem Flüchtlingslager aufgenommen. Wir hatten großes Glück gehabt und die Krankenschwestern schafften es, uns gerade noch wieder aufzupäppeln, bevor es zu spät war. Danach kamen wir hier in Dänemark in ein Auffanglager und schließlich traf ich meinen Mann und wir waren gerettet.“

Sie lächelte Ejnar dankbar an und fuhr dann wieder fort.

Warum ich euch das alles erzähle? Nun, nicht nur, weil ich eurem Land dafür zu danken habe, dass ich hier aufgenommen wurde, nein, ich habe vor allem euren Krankenschwestern zu danken, die so viel Mut hatten, dort zu helfen – in den Kriegswirren und unter dem Einsatz des eigenen Lebens.

Ja, das ist richtig, unter dem Einsatz des eigenen Lebens!

Und wie schief es gehen kann, können wir hier heute alle sehen.

Wir haben heute Abend nämlich eine von ihnen unter uns.“

Sie schaute mir direkt in die Augen und ich dachte, mir bleibt das Herz stehen. Am Liebsten wäre ich im Boden versunken. Aber selbst weglaufen war nun nicht mehr möglich, denn jetzt waren alle Augen auf mich gerichtet.

Was blieb mir also anderes übrig, als ihrer Aufforderung zu folgen, als sie mich bat, nach vorne zu kommen?

Da heute Abend so viel von lokalen Helden geredet wurde: Hier ist ein Mädchen aus Solkrogen, das in die weite Welt hinaus gereist ist, um Flüchtlingen wie mir und meinem kleinen Bruder zu helfen. Wie ihr sehen könnt, geht so etwas nicht immer ganz glimpflich aus.“

Sie stockte für einen Moment, um dann mit heiserer Stimme leise weiter zu reden.

Ganz ehrlich, ich habe zunächst genauso reagiert, wie ihr.“

Sie sah mich jetzt an und hatte wieder ihr bezauberndes Lächeln aufgesetzt, das Eisberge reihenweise schmelzen lassen konnte.

Ich will mich einfach nur bei dir bedanken, Mia, dass du das alles auf dich genommen hast, dass du für mich durch das Minenfeld gelaufen bist und dass du und deinesgleichen für uns da seid, wann immer wir euch so dringend brauchen!“

Sie drückte mich ganz fest an sich und nun plärrten wir beide um die Wette.

In der Zwischenzeit war der ganze improvisierte Ballsaal aufgestanden. Man erhob sein Glas und stieß auf mich an.

Ich verließ die Bühne zu Standing Ovations.

Endlich wieder an meinem Platz angekommen, holte ich tief Luft. Mir war das Ganze so furchtbar peinlich, wie es nur sein konnte. Jetzt kamen auch noch alle auf mich zu, um die ganze Geschichte zu hören oder um mich einfach nur zu begrüßen. Glücklicherweise fing nun wieder die Musik zu spielen an und somit war es viel zu laut für jegliche Unterhaltungen.

Schließlich kam Yves von der Bar, an der er den ganzen Abend über Dienst geleistet hatte. Eigentlich war ich jetzt schon so müde und erschöpft, dass ich am Liebsten ins Bett gegangen wäre. Doch Yves meinte, jetzt wo wir schon mal einen Babysitter hatten, konnten wir die Gelegenheit auch ruhig mal wahrnehmen und uns ebenfalls ein wenig vergnügen.

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Uns so kam es, dass das lokale Erntedankfest, trotz aller Peinlichkeiten, letztendlich doch noch sehr schön wurde. Unter anderem spielten sie auch Neil Youngs “Harvest Moon” und romantischer konnte es nun kaum mehr kommen! Yves und ich genossen die Atmosphäre und einander in vollen Zügen.

Gemieden hat mich danach dann auch keiner mehr.

Doch was zurückbleibt, ist ein äußerst fahler Geschmack, denn dieses Ereignis zeigt mal wieder, wie vorurteilsbehaftet wir Menschen doch sind. Hatten sie alle wirklich gedacht, dass ich eine Schlampe war, die sich irgendwo herumgetriebenen hatte und die deshalb so aussah? Und wenn ja, wie nett ist das denn, dass man immer gleich das Allerschlimmste von seinen Mitmenschen annimmt, nur weil sie ein klein wenig anders sind oder lediglich etwas ungewöhnlich aussehen?

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“…I want to see you dance again
Because I’m still in love with you
On this harvest moon.”

Neil Young

Harvest Moon

Album: http://de.wikipedia.org/wiki/Harvest_Moon_(Album)

Trivial facts: “”Harvest Moon” and “Hunter’s Moon” are traditional terms for the full moons occurring in autumn, usually in September and October, in the Northern Hemisphere respectively. Deutsch: http://de.wikipedia.org/wiki/Vollmond

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Der nächste Morgen nahte im Sonnenschein. Nun, was heißt, „der nächste Morgen“? Wir wechselten uns ab, die Kinder zu versorgen und schliefen dann doch “bis in die Puppen”. Als wir schließlich gegen Mittag in die gute Stube trudelten, war da schon wieder Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die kleinen Jungen fuhren mit ihren Spielautos durch die Gegend, und nun konnten wir auch sehen, warum Myriams Bettchen leer gewesen war: sie war uns entschlüpft, um mit ihren kleinen Cousinen zu spielen.

Eigentlich wäre es ja schön, wenn wir noch ein paar Tage hier bleiben könnten, doch ich konnte mir jetzt nicht mehr erlauben, die Firma zu vernachlässigen. Yves erwartete morgen neue Bed&Breakfast-Gäste und Toulouse musste am Montag auch wieder arbeiten. Wir kamen so überein, dass Anja etwas später nachkommen würde und auf diese Art hatte Myriam noch ein paar weitere Tage zusammen mit ihren Cousins und Cousinen.

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Nach einem gemütlichen Brunch-Buffet, bei dem anscheinend sämtliche Reste vom gestrigen Abend verwertet worden waren, fuhren wir dann wieder nach Fejø.

Quelle: Solkrogen 8 – Herbstgewitter über dänischen Dächern

Solkrogen 8: Herbstgewitter über dänischen Dächern

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