Weihnachten im dänischen Gemeindehaus

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Am frühen Nachmittag fuhren wir zum lokalen „Forsamlingshus“. In diesem Gemeindehaus hatten wir schon zu meiner Kindheit Weihnachten gefeiert. Früher waren diese Gemeinschaftsweihnachtsfeste eine wichtige Tradition gewesen, an denen einige mit großem Engagement festhielten. Zunächst hatte ich das gar nicht verstehen können. Was sollte daran denn so wichtig sein? Es war ja schließlich nur ein zusätzliches Weihnachtsfest, zwischen den Feiertagen!

Ich erinnere mich noch daran, als wir damals vor ungefähr 20 Jahren das erste Mal durch das Dorf geschickt wurden – von einer alten Dame, die uns energisch angewiesen hatte, die Mittel für das bevorstehende „Juletræsfest“ einzusammeln. Mama hatte damals mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, dass es doch weitaus vernünftiger wäre, Eintritt zu verlangen oder noch besser: ein Überweisungsformular mit der Gemeindepost an jeden Haushalt zu schicken. Da sah die alte Dame meine Mutter sehr ernst an und ich kann mich noch ganz genau an ihre äußerst bestimmten Worte erinnern:

Nein, das muss gratis verbleiben. Wir nehmen nur Spenden an, keinen Eintritt!

Es muss jedem möglich sein, dieses Weihnachtsbaumfest zu besuchen, egal, ob sie die Mittel haben oder nicht.

Denn es gibt mehr Kinder, als du denkst, die ansonsten überhaupt nicht Weihnachten feiern!

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So, und nun sorgt dafür, dass Eure Gemeinde stolz auf euch sein kann und sammelt fleißig ein.

Das ist eine uralte Tradition, viel älter als ich.

Versprecht mir, dass ihr sie nie vernachlässigen werdet.

Und denkt an die, die ohne Euch nicht feiern werden!“

Kurz darauf verstarb sie. Doch ich werde ihre Worte nie vergessen!

Was sie sagte, war zutreffender gewesen, als ich zu jenem Zeitpunkt hätte ahnen können.

Es gibt unendlich viele Menschen, selbst in unseren Breitengraden, die sich es nicht leisten können, Weihnachten zu feiern oder die aus irgend einem Grunde verhindert sind und es nicht nach Hause schaffen. So wie ich damals in Afrika, als ich während meiner Gefangenschaft 83 Wochen in einem Dreckloch unter der Erde vor mich hinsiechte…

Es gibt so viele Gründe, verhindert zu sein

– und noch mehr Gründe, das Fest dann wieder zu feiern, wenn man es endlich wieder kann!

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Nachdem wir abermals lauthals singend um den Baum herumgetanzt waren, wurden wir alle mit roten Würstchen „bespeist“, wie sie es hier ausdrücken. Sie meinen wohl eher „bewirtet“, wenn sie „bespist“ sagen… doch so sagt man nun mal auf dänisch.

Danach kam der Weihnachtsmann und gab jedem Kind eine spitze Tüte, in der sich verschiedene Süßigkeiten befanden.

Ich schaute auf die frohen Gesichter der kleinen Mäuse, die alle vollkommen vom Weihnachtsmann angetan waren und nicht einmal bemerkten, dass er in Wirklichkeit die dicke Gattin des nicht weniger beleibten Bäckers war!

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Ich schaute auch in die weniger glücklichen Gesichter einer handvoll Kinder, wo man wusste, dass der Vater Alkoholiker war und die Mutter regelmäßig zusammenschlug und in die Gesichter der Kinder eines Veterans, der an PTSD litt und seitdem keinen Job mehr behalten konnte…

Nun, nicht dass ich meine Nase über sie rümpfen würde. Ich war ja selbst nicht besser als alle diese Menschen. Was uns unterschied, war vermutlich nur, dass meine Familie mich nicht hatte so weit absacken lassen…

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Ich musste in jenem Augenblick wieder an die alte Frau denken und wie recht sie doch gehabt hatte. Es war schön, dass diese Kinder hier zusammen mit meinen eigenen feiern konnten und auf dem Weg zum Auto gab ich dem Vorsitzenden des Gemeindehauses diskret einen 500-Kronen-Schein, mit den Worten, dass dies für die nächste Feier sein solle.

Quelle: Solkrogen 9 – Weihnachten in Dänemark

Solkrogen 9: Weihnachten in Dänemark

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