Ein dänisches Weihnachtsfest am Hafen

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Das üppige Weihnachtsmahl war schon lange überstanden. Welch Schlemmerei es doch gewesen war! Rotkohl, Ente, Schweinebraten und zwei Sorten Kartoffeln -wie es hier, in Dänemark, seit eh und je Sitte war!

Und dann der Baum! Wie überwältigend hatte er gewirkt, als die Türen der guten Stube sich langsam öffneten! Es war eine große Fichte gewesen, der ursprüngliche, dänische Tannenbaum, der nur für wenige Tage seine Nadeln behält. Und er war in aller Feierlichkeit mit “Dannebrog”-Fähnchen und weißen, geflochtenen Papiersternchen geschmückt.

Zweimal 24 Kerzen aus reinstem, schneeweißen Stearin erleuchteten ihn als er da so duftend und glänzend vor uns stand!

Zu ganzer Zahl versammelt hatte die Familie sich eingefunden und man hatte singend Hand in Hand um ihn herum getanzt, während der “Spillemand”, der einzige Musiker der Familie, eine “Weihnachtsweise” nach der anderen spielte.

Schließlich war es an der Zeit gewesen, die vielen Geschenke zu öffnen. Freudiges Jauchzen hatte erklangen, Küsschen und Danksagungen wurden ausgetauscht und dann waren die größten Feierlichkeiten überstanden gewesen.

Die Frauen hatten sich in die Küche zurückgezogen, um nun das besondere Dessert zu bereiten: die traditionelle Reisgrütze mit Kirschsauce und der Rest der Familie hatte es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht, hörte Weihnachtsmusik, plauderte und die Kinder spielten fröhlich mit ihren soeben erhaltenen Gaben.

Da klopfte es an der Haustür.

Alle horchten auf.

Man war sich wohl bewusst, dass man hier am “Ende der Welt” wohnte… So schnell verirrte sich keine fremde Menschenseele in diese Einsamkeit!

Es war schon fast ein Wunder gewesen, dass die entfernteren Verwandten hier hinaus, in diese Wildnis, gefunden hatten.

Daher: wer konnte es sein?

Und der Weihnachtsmann war ja auch schon hier gewesen. Oder ob einer der größeren Jungs sich einen Spaß erlaubt hatte?

Vater sah sich um.

Nein, sie waren alle versammelt, stelle er nach einem kurzen Blick in die Runde fest und kein schelmischer Blick verriet, dass hier etwas am Brodeln war. Also…

Da klopfte es abermals.

Nun, das klang echt, es konnte kein Ast gewesen sein, den der Sturm losgerissen und willkürlich um sich schleifte… hinter diesem Klopfen musste sich ein Mensch verbergen.’ dachte er, während er langsam die schwere Haustür öffnete und in die stockfinstere Dunkelheit hinaus spähte.

Aber niemand war zu sehen!

Er ging in den Garten und sah sich um. Auch hier war keiner zu sehen.

Er lief über’s Feld, hinter das Haus, doch alles was dort lag, waren gefrorene Kuhfladen! Selbst die Kühe waren in den warmen Ställen untergebracht, denn der eisige Nachtfrost hatte bereits eingesetzt und würde für diesen Winter auch nicht mehr weichen.

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Doch was war das? Er sah etwas Rotes schimmern, dort vorne am Hafenplatz, dort, wo das dänische Vaterland und die Welt tatsächlich zu Ende waren! Da draußen, vor dem Hafentor war nur noch weites Meer, raue, offene See und allerhöchstens ein paar kleine Inseln, bevor die baltischen Staaten wieder aus dem Wasser auftauchten und “Neuland” verkündeten!

Schnell machte er sich auf zur Küste. Doch schon auf halben Wege kam ihm ein kleiner, taumelnder, alter Mann entgegen. ‘Also doch ein Weihnachtsmann?!’ dachte er sarkastisch.

Jedoch waren ihm die spöttischen Gedanken schnell vergangen, als er sah, wie es dem Mann erging. Er stammelte etwas von ‘Julefrokost’, Weihnachtsessen im Altersheim… und dass sein Auto so nass war…

Vater beeilte sich, ihn schnell in die warme Stube zu bringen. Dort wurde er von der Familie versorgt. Man trocknete seine Kleidung, er bekam warme Hausschuhe und durfte als erster die Reisgrütze kosten.

War er noch vor Kurzem verwirrt und fröstelnd im Hafen herumgeirrt, so kam er jetzt so langsam zum Leben zurück, wovon die roten Wangen und die wacher werdenden gutmütigen Augen zeugten.

Lächelnd saß er im großen Lehnstuhl und erzählte: Er war ein alter Fischer aus einem Nachbarhafen. Wie jedes Jahr hatte er die Weihnachtsfestlichkeiten des Altersheim besucht, da er seit dem Tod seiner Frau am heiligen Abend nicht allein sein wollte. Nun, wie jedes Jahr, so musste er schmunzelnd zugeben, hatte er auch dieses Jahr ein wenig über den Durst getrunken, denn der Weihnachtsschnaps schmeckte einfach zu gut zum selbst eingelegten Hering… – aber sooo viel war es nun auch nicht gewesen! Außerdem ist man als alter Seemann ja schließlich so einiges gewöhnt!

Also muss es der Nachtfrost gewesen sein! Ja in der Tat hatte Vater es ebenfalls bemerkt: Der Hafenplatz war voller Eis! Es war sicher der Ostwind, dessen Gischt die See schon wieder gen Land getrieben und so einiges unter Wasser gesetzt hatte. Da vereiste der Hafenplatz schneller als man zusehen konnte.

Nun, der weihnachtliche Gast hatte in der Dunkelheit die Abfahrt zum falschen Hafen gewählt und war ganz einfach mit dem Auto vom Hafenplatz ins Meer gerutscht!

An diesem Abend feierte er noch ein wenig mit der Familie, bevor man ihn nach Hause fuhr und dafür sorgte, dass bei ihm alles rechts war.

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Einige Tage später konnte man in der Lokalzeitung einen Artikel mit folgender Überschrift lesen:

Familie rettet unfreiwilligen Weihnachtsmann vorm Ertrinken!”.

Diese Geschichte ist unverkürzt wiedergegeben worden und stammt aus der Feder von  Sarah Sofia Granborg. Sie wurde unter dem Titel “Horch, was kommt von draussen rein!” unter anderem in der Weihnachtsgeschichten-Sammlung  

Skandinavische Weihnachtsgeschichten  veröffentlicht.

Skandinavische Weihnachtsgeschichten

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