Narzissmus verstehen: Warum Eltern ihre Kinder verstossen

Vorne weg: Der Kommentar von Rosemarysbaby zum gestrigen Beitrag Narzissmus verstehen: wie es zu Missbrauch kommt hat uns zu diesem Post inspiriert, denn die Frage ist ja, warum gibt es Eltern, die so etwas tun? Kann eine solche Handlung je gerechtfertigt sein?

Ja – und nein.

Gerechtfertigt kann im Prinzip alles werden; denn eine Rechtfertigung ist lediglich der Akt einer Person, alles wegzuerklären, ob dies nun ethisch, nachvollziehbar, richtig oder verkehrt ist, das ist dabei völlig egal.

Somit sind Leute, die sich stängig rechtfertigen, nicht unbedingt jene, welche die besten Entscheidungen treffen und besonders gute Menschen sind, sondern lediglich solche, bei denen der Bedarf besteht, sehr viel (weg-)zuerklären.

Doch kann es wirklich Situationen geben, wo man sagen kann, dass der Verstoss eines Kindes einen Sinn ergibt und die bestmögliche Handlungsweise der Eltern ist?

Das ist eine schwierige Frage.

Denn zunächst sind die Eltern für das Kind verantwortlich, für sein Wohlergehen und für die Erziehung des Kindes.

Das bedeutet, wenn es an dem Kind irgendetwas gibt, was ihnen nicht gefällt, kann man die berechtigte Frage stellen “Warum habt Ihr euer Kind nicht anders erzogen?“.

Auf der anderen Seite gibt es seltene Situationen, wo ein Kind theoretisch eine Bedrohung für die Eltern ausmachen könnte. Beispielsweise während der jetztzigen COVID-19-Situation kann ein Kind, das sich nicht an sinnvolle, vorbeugende Massnahmen hält, für Eltern in einer Risiko-Grfuppe eine akute Gefahr darstellen, und da könnte es einen Sinn ergeben, dass ein Kind, welches sich partout nicht an sinnvolle Vorkehrungen halten möchte, nicht mehr in den elæerlichen Haushalt hineingelassen wird, weil dies den Tod der Eltern zur Folge haben könnte.

Doch dies ist kein wirkliches Verstossen, das in der Regel aus irrationalen Gründen gecshieht, sondern eine sinnvolle, gut übelegte Massnahme, und es würde dann auch nur vorrübergehend und mit vorheriger Warnung einen Sinn ergeben. Darüber hinaus würde dies auch ausschliesslich für den physischen Kontakt gelten. Auf anderen Ebenen kann der Kontrakt aufrechterhalten werden und die Eltern können das Kind trotzdem weiterhin unterstützen.

Interessanterweise ist dies aber kein typisches Beispiel für eine Sitruation, wo ein Kontaktabbruch und ein Verstoss des Kindes geschehen.

Typisch ist eher, dass ein oder beide Elternteile mit ihrem eigenen Leben so unzufrieden und generell so unfähig sind, die Herausforderungen des täglichen Lebens zu meistern, dass sie auf tagtäglicher Basis einen Südenbock suchen.

Sobald dem Kind diese Rolle in der Familie zugewiesen wurde, gibt es kein Entrinnen mehr. Dann ist das Schicksal aller Beteidigten so weit besiegelt, dass es wahnsinning schwierig wird, da je wieder herauszukommen.

Viele Kinder werden dann, sobald sie die Möglichkeit haben, so schnell wie möglich selbständig werden und dem Elternhaus den Rücken kehren.

Dies bedeutet in der Regel aber nicht, dass sie selbst keinen Kontakt mehr haben wollen, denn überraschend viele Narzissmus-Opfer und misshandelte Kinder würden sehr gerne den Kontakt aufrecht erhalten, weil sie sich, trotz allem, auf alle Ewigkeit nach der der Liebe und Zuneigung ihrer Eltern sehnen, doch sobald ein Narzissmus-Opfer seinen Eltern die Co-Abhängigkeit verweigert, sehen die Eltern meist keinen Grund mehr, den Kontakt aufrecht zu erhalten, da die Beziehung zum Kind für sie den Wert verloren hat.

Man nennt das, was die Eltern suchen und so dringend brauchen, weil sie an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, eine narzisstische Bestätigung.

Sobald das Kind da nicht mehr mitspielt, ist es für sie wertlos geworden, und da es leider auch so ist, dass man jemand so einschätzt, wie man ihn behandelt, werden Menschen, die man selbst gut behandelt, von einem stets geachtet und positiv berschrieben, während jene, für die man keinen Respekt hat und über die man schlecht redet, auch nicht selten jene sind, bei denen man selbst hätte besser handeln können – es sei denn, man hat einen direkten Grund, sich zu beschweren, wie beispielsweise ein Kind, das unter Misshandlunegn zu leiden hatte. Doch auch da findet man überraschenderweise schnell heraus, dass jene, die den Schaden hatten, den Schuldigern gegenüber oft überraschend verständnisvoll sind, während Menschen, die sich selbst ernsthafter Vergehen schuldig machten, nie ein gutes Haar an ihren Opfern lassen.

Somit hat der elterliche Narzisst kaum eine andere Wahl, als das Kind zu verstossen.

Denn erstens hat er dem Kind über einen langen Zeitraum hinweg so viel angetan, dass er dies nur vor sich selbst rechtfertigen kann, indem er sich entweder einen Gedächtnisschwund  zulegt oder/und das Kind so niedermacht, dass es nicht nur in der eigenen Auffassung und Erinnerung nichts mehr wert ist, sondern dieses von ihm erstellte Bild des Kindes ist wie ein Brandzeichen, das überall in der Umgebung der Eltern verbreitet wird.

Es ist die gemeinsame Basis aller Beziehungen, die Eltern und Kinder gemeinsam haben beziehungsweise hatten, und somit werden die Opfer elterlichen Narzissmus leider auch oft erleben, dass nicht nur die Eltern sie verstossen, sondern nicht selten auch ihr gesamtes Umfeld – oder dass man sie alternativ wie Trottel behandelt und erwartet, dass sie sich dem widerstandslos fügen und das Spielchen mitspielen, denn auch die sogenannten Apaths oder “Flying Monkeys” sind Teil des Ganzen, ob sie es nun freiwillig und wissentlich sind, oder genauso in die Falle gerutscht sind wie alle anderen.

Und ja, selbst die narzisstischen Eltern sind hier in eine Falle geraten, aus der sie wohl kaum mehr herauskommen werden, denn kein Mensch würde sich solcher Vergehen je schuldig machen, wenn er von vornherein wüsste, wie das alles funktioniert und welche Preis er letztendlich dafür bezahlen muss! In der Regel sind narzisstische Eltern selbst Narzissmus-Opfer, die nur unfähig oder zu mindest nicht gewollt waren, besser mit ihrem schweren Erbe umzugehen.

Abschliessend möchte ich noch ein paar tröstende Worte für die Verstossenen hinzufügen. Etwas, woran ich oft denken muss, sind die Worte eines jungen Mannes, der selbst verstossen worden war und dann im Internet das Buch einer amerikanischen Autorin verurteilte, obwohl dies anscheinend gar nicht mal so schlecht war. Was mich an dieser tragischen Situation so beeindruckte, war, dass er anscheinend extrem darunter litt, dass er, wie man auf Englisch sagt “an absent parent” hatte, also ein Elternteil, das keinen Kontakt zu ihm wollte.

Dies ist anscheinend etwas, das die Menschen tiefer verletzt, als man zunächst meinen sollte, denn man sollte ja denken, okay, dort ist nur ein Elternteil da, das ist doch auch nicht so schlimm, immerhin wurde das Kind nicht misshandelt und hat immer noch die Liebe der einen Person bekommen. Doch die Wunden, die dieses Nichtvorhandeensein eines Elternteils verursachen können, sind ebenfalls oft sehr tief.

Ich habe aber, indem ich unterschiedliche Schicksale verfolgte, etwas sehr Interessantes herausgefunden, was vielleicht ein kledines Trostpflaster sein kann:

Verlassene und verstossene Kinder, die dann doch ihre richtigen Eltern finden, erleben nicht selten eine riesengrosse Überraschung. Für manche sieht es zunächst so aus, dass das weggebliebene Elternteil (oder das Elternteil, das sie verstossen hat), sich zunächst freut, alles wegerklärt und beteuert, es hätte das Kind ja in Wirklichkeit immer geliebt. Ich schreibe hier ganz bewusst “zunächst”, weil diese Beteuerungen sich dann doch oft als Lügen entpuppen und unterm Strich das verstossene Kind letztendlich herausfindet, dass nichts davon ehrlich gemeint war oder auch nur entfernt einen Sinn ergibt.

Ein weiterer Aspekt ist aber auch, dass Eltern, die so unfähig sind, dass sie ihre Kinder weder lieben, noch anständig behandeln, sich vielleicht auch besser von ihren Kindern fernhalten sollten.

Hier kann man letztendlich oft sagen, so traurig es auch ist, dass das Wegbleiben und der Akt des Verstossens das Beste und Liebevollste war, was dieses Elternteil für sein Kind tun konnte.

Denn was wäre die Alternative gewesen? Wie hätte das Leben des Kindes ausgesehen, wenn es unter dem Einfluss dieses Elternteils aufgewachsen wäre?

Traurigerweise wäre es höchstwahrscheinlich nie zum Happy End gekommen, denn wir haben es hier mit einem Elternteil zu tun, das ernsthaft krank ist. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und andere Persönlichkeitsdefizite sind nichts, was man mal eben so weg- oder schönreden kann. Es geht hier wirklich um sehr, sehr ernsthafte Störungen und übelste Vergehen, denen sich derjeneige schuldig gemacht hat, der sein Kind verstossen hat.

Es gibt nur einen Weg, aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen, und das ist eine intensive Aufarbeitung der eigenen Taten. Doch dies wird von den Meisten abgelehnt oder zumindest nur halbherzig durchgeführt, weil es einfach zu unangenehm ist, da es hierbei ganz gewaltig ans Eingemachte geht.

Somit kann ich den meisten verstossenen Kindern lediglich sagen: Denkt daran, dass der Verstoss vielleicht das beste Leben war, das Dir/Euch ein unfähriges Elternteil geben konnte. Nimm die Situation nicht persönlich; es ist nicht Dein Fehler, sondern eine geistige/mentale Krankheit, die dieses Elternteil hat, und die so weitreichend ist, dass sie in der Regel das ganze Leben des Erkrankten völlig vermasselt. Weil dieser nicht in der Lage ist, Verantwortung fur seine Taten zu übernehmen, ist es letztenlich nicht selten so, dass das verstossene Kind in der Tat das beste Los gezogen hat.

Weitere Artikel zum Thema findet man hier:

Kindheit unter der Herrschaft narzisstischer Eltern: Wie man als erwachsenes Kind damit leben kannWeitere Erklärungen zum Them elterlichen Narzissmus findet man in dem Buch Kindheit unter der Herrschaft narzisstischer Eltern.

Neben der persönlichen Erfahrungen der Autorin, welche in den ersten 3 Kapiteln beschrieben werden, findet man in diesem Buch 25 Kapitel, die erklären, was Narzissmus ist und wie man sich davor schützen kann. In einem weiteren Kapitel werden darüber hinaus die wichtigsten Fachausdrücke mit einfachen Worten erklärt.

Ein Artikel-Verzeichnis mit vielen weiteren Beiträgen über Narzissmus findet man hier.

Monatlicher Gratis-Newsletter

Disclaimer (Haftungsauschluss) für diesen Artikel

Wichtiger Hinweis für Kinder narzisstischer Eltern und andere misshandelte Kinder, die noch unter 18 sind

Bildmaterial:

Foto: Pixabay; es handelt sich hier um ein Public Domain-Modell-Foto, das keinen Bezug zum Thema hat, also kein misshandeltes Kind zeigt

Umschlag: NVP

Credits

picture: pixabay

book-cover: NVP

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s