Marie Grubbe

Die nachfolgenden 5 Textauszüge stammen aus dem Bonus-Teil des 8. Solkrogen-Buches:

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Marie Grubbe wurde zur Volksheldin in einer Zeit, als es noch keine weiblichen Heldinnen gab und das nicht, weil keine Frau je etwas heldenhaftes getan hatte, sondern weil das weibliche Geschlecht ganz einfach nichts zu melden hatte.

Der Grund, warum das Volk sie zur Heldin ernannte, war auch gar nicht mal so besonders heldenhaft, sondern man bewunderte sie einfach, weil sie den Mut gehabt hatte, jemandem zu trotzdem, gegen den sonst niemand ankam. Sie hatte das auf clevere Weise getan, mit einer List, gegen die ihr Gegner machtlos war.

Doch wer war diese Marie Grubbe, von der heute eigentlich kaum jemand mehr etwas weiß?

Das erste Mal hörte ich von ihrem Schicksal, als, ihr zu Ehren, in unserer Nähe ein Theaterstück aufgeführt wurde. Danach konnte man in der Zeitung lesen, dass eine Schule und Institutionen ihren Namen trugen.

Auffallend ist, dass die gegenwärtigen Autoren, Wissenschaftler und Künstler sich sehr positiv über Marie äußern und der Meinung sind, dass sie eine emanzipierte Frau war, die ihrem Herzen folgte, wohingegen ältere Texte sehr von einem extrem negativen Ton geprägt sind. Ständig wird unterschwellig (oder gar direkt) angedeutet, was für eine Schlampe und ein Flittchen sie war und dass „das ja alles kein Wunder sei, denn ihr Vater war auch nicht besser“! Genauso durchgehend negativ wird über den Mann geurteilt, den sie liebte. In jedem zweiten Satz, so scheint es, wird bewertet, ob jemand Anstand hatte oder nicht und dass das alles wohl kaum jemanden überraschen könne, denn das ist ja alles kein Wunder…

Persönlich muss ich sagen, dass mich das sehr überrascht hat, in historischen Texten, die doch eher Fakten wiedergeben sollten, solch einschlägige Bewertungen des Verhaltens und des moralischen Standes der beschriebenen Personen zu finden. Das gibt einem doch sehr zu denken, denn wenn Klatsch und Tratsch so dominierend in historischen Texten auftauchen, dann fragt man sich zwangsweise, wieweit sie eventuell den Sacherhalt beeinträchtigt haben und ob das früher wohl einfach die Norm war, dass Klatsch und Tratsch mehr zählten, als der eigentliche Sachverhalt.

Ich bin verschiedenen Texten nachgegangen, die ich unter anderem auch von dieser Seite erhalten habe: http://bjoerna.dk/Holberg/Groensund.htm und habe versucht, mir ein relativ neutrales Bild zu machen und zu ergründen, warum sie wohl so war und welches Schicksal, das in den Texten nicht erwähnt ist, vielleicht dahinter liegen mag.

Maren Grubbe, wie sie ursprünglich hieß, wurde um 1643 herum als die jüngste von zwei (oder drei) Töchtern in eine jütländische Adelsfamilie hineingeboren. Manche Texte erwähnen lediglich zwei Mädchen, andere drei. Auch ist auffallend, dass Maren/Marie zu einem Zeitpunkt den Namen ihrer Mutter ablegte, um den Namen ihrer Schwester anzunehmen. Was ist da geschehen? Hatte sie sich möglicherweise mit der Familie Ihrer Mutter verfeindet oder war eventuell ihre Schwester gestorben?

Ihr Vater, Erik Grubbe, war Lehnsmann und verwaltete das Lehnswesen* für den dänischen König.

*Lehnswesen

http://de.wikipedia.org/wiki/Lehnswesen

Über ihre Mutter, Maren Juul, ist nicht viel bekannt, doch sie starb jung, noch als Maren/Marie klein war und von dort an wurde die Tochter von ihrem Vater auf dem jütländischen Gut Tjele erzogen.

Ob Marie nun wirklich eine so ausgeprägte „sinnliche Natur“ aufwies, wie ihr oftmals unterstellt wurde, oder ob sie sich lediglich nach menschlicher Nähe sehnte, ist heute möglicherweise nicht mehr zu ermitteln.

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Als der bekannte dänische Wissenschaftler und Schriftsteller Ludvig Holberg 1711 oder 1712 vor der Pest floh und somit Kopenhagen verließ, traf er in dem Fährhaus von Borre auf eine schon ältere Marie Grubbe. Seit 1706 war Møller dort anscheinend der Fährmann gewesen.

 

Holberg interessiert sich für das Schicksal der damals wohl schon 68-jährigen Marie. Vermutlich ist die Sympathie gegenseitiger Natur, da beide eine ähnliche Kindheit haben und aus den gleichen gesellschaftlichen Kreisen kommen, während sie ebenfalls mit der Lebensweise des Volkes bekannt sind.

Es ist übrigens in jenen Jahren auf Falster, wo Marie den König bei einem Kartenspiel hinter’s Licht führt und beim Volke dafür Achtung gewinnt.

 

Marie starb vermutlich zwischen 1716 und 1718. Ihre letzten Jahre waren von Armut und anderen Schwierigkeiten geprägt.

Warum Maries Schicksal die Literatur und die Menschen sogar heute noch beschäftigt, liegt mit Sicherheit nicht nur an ihrer noblen Herkunft, sondern vor allem daran, dass der interessierte Leser gegensätzliche Informationen über sie erhält, die keinen Sinn ergeben. Also verbleibt ihr Leben und ihr Schicksal ein Mysterium, in das man die unterschiedlichsten Dinge hineininterpretieren kann.

 

Quelle: Solkrogen 8 – Herbstgewitter über dänischen Dächern

Solkrogen 8: Herbstgewitter über dänischen Dächern

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